Das Beste zum Schluss

So nahm ich also Abschied von Dari, meinem persönlichen Geschenk des Himmels, die mich in der vergangenen Woche bestens abgelenkt hat und mit der ich eine sehr unterhaltsame Zeit erleben durfte. Ich verbrachte meine letzte Nacht in Vietnam und nahm Ende Mai den Flieger nach Yangon, Myanmar.

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Die Fussrudererin, Dari und ich in Tam Coc

Meiner Entscheidung, das Land zu besuchen, gingen langwierige Abwägungsprozesse voraus. Noch zu Beginn meiner sechsmonatigen Reise war ich mir nicht sicher, ob ich das Land besuchen werde. Natürlich wusste ich von den Gräueltaten, die sich in einem Teil Myanmars abspielen. Ich informierte mich im Internet darüber und fragte mich, ob ich es ethisch vertreten kann, einen Staat zu bereisen, in dem Menschen getötet und vertrieben werden. Auch mit anderen Reisenden stand ich in Kontakt und diskutierte das Für und Wider einer Reise ins Land. Ausschliesslich alle, die in Myanmar unterwegs gewesen waren, schwärmten vom Land und von den Leuten. Für viele war Myanmar gar das Highlight ihrer Südostasien-Reise. Allgemein tue ich mich schwer, mich zu entscheiden, bei so einer Frage fiel mir die Entscheidung verständlicherweise noch schwerer. Schliesslich führte die Liste mit den Pro-Argumenten und ich beschloss, dem grössten Land Südostasiens einen Besuch abzustatten. Unter anderem habe ich das Gefühl, dass es den Menschen im Land nicht hilft, wenn die Touristen fernbleiben, da ein grosser Teil vom Tourismus lebt, seit die Grenzen geöffnet wurden. Man muss die schrecklichen Taten, die von gewissen Personengruppen im Land verübt werden, verurteilen und ich hoffe inständig, dass sich bald etwas zum Besseren ändert. Nicht, dass es so endet wie in Kambodscha… Aber ich selber als Einzelperson habe keine Macht, die Ungerechtigkeit zu stoppen und ob ich nun einreise oder nicht, ändert am Verhalten dieser Unmenschen nichts. Wie immer bei solchen schrecklichen Vorkommnissen darf man nicht ein ganzes Land verurteilen, sondern muss erkennen, dass nicht alle Menschen böse sind. Gerade die Burmesen, die unter einem jahrelangen Militärregime gelitten haben und noch immer nicht ganz davon befreit sind, haben genug durchgemacht und bedürfen unserer Unterstützung. Und die kann man dem Einzelnen meiner Meinung nach geben, indem man als Tourist ins Land kommt. Dies ist meine Argumentation. Wichtig ist mir noch zu sagen, dass ich nicht skrupellos nach Myanmar gereist bin, sondern mir immer wieder Gedanken gemacht habe, mich immer wieder Zweifel heimgesucht haben und ich mir bei aller Schönheit und Freundlichkeit der dunklen Seite des Staates bewusst gewesen bin.

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Mein erster Eindruck von Yangon, Myanmar

Auf jeden Fall flog ich von Hanoi nach Yangon, in die ehemalige Hauptstadt (Rangoon), was mich nur etwa eine Stunde Flugzeit kostete. Als ich ankam, erwartete mich Regenwetter und eine graue Stadt. In meinem Hostel bzw. wohl im ganzen Quartier war gerade Stromausfall, wobei ich gelesen hatte, dass dies öfter vorkommt. Es war dunkel, trüb und trist, der erste Eindruck begeisterte mich nicht sehr. Der Taxifahrer erklärte, dass dies die Regenzeit sei und dass es jeden Tag den ganzen Tag regne. Ich als wetterabhängige Person hiess diesen Fakt alles andere als willkommen. Zudem hatte ich eigentlich genügend Tempel, Pagoden und Stupas gesehen – jedoch zieht Myanmar gerade damit viele Besucher an. Eine absolute Fehlplanung meinerseits! Ich verkroch mich die ersten Tage im Hostel und recherchierte, ob man in dem Land auch anderes sehen kann als antike Bauten. Da es schon am zweiten Tag nicht mehr ständig regnete, ging ich raus und gab der Stadt eine zweite Chance nach dem unglücklichen ersten Eindruck. In einem verlassenen, stillgelegten Freizeitpark tauchte ich in eine gespenstische Ruhe ein und entdeckte wunderbare Fotomotive (wobei meine Kamera just in dem Moment den Geist aufgab). Es war einzigartig, zwischen den zugewachsenen, überwucherten und langsam verrostenden Maschinen und Konstruktionen durchzugehen. Ich begegnete nur wenigen Menschen, dafür umso mehr Mücken, die mich aufzufressen drohten und knurrenden Hunden, die ihr Revier bewachten.

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Dieses Karussell hat seine letzten Runden gedreht

Freundlicher empfing mich die Shwedagon-Pagode, die ich mir trotz Tempel-Überdruss ansehen wollte. Etwas höher gelegen prangt die riesige (99 Meter!), goldene Pagode über der Stadt und zieht als eine der heiligsten Stätten des Buddhismus’ massenweise Gläubige aus dem ganzen Land an. Während ich durch das Areal spazierte, stellte ich fest, dass kaum Touristen zu sehen waren. Die Ausländer, denen ich begegnete, konnte ich problemlos an einer Hand abzählen. Das war ein komisches Gefühl, nachdem ich zuvor in Vietnam, einem der touristischsten Länder meiner Reise, gewesen war. Die Menschen schauten mich dabei oft an und schienen sich noch nicht so sehr an diese fremdländischen Gestalten gewöhnt zu haben. Anfangs kam ich mir etwas ausgestellt vor, doch ich merkte, dass die Leute auf mein Lächeln hin immer zurücklächelten und mir überhaupt nicht unfreundlich gesinnt waren. Allgemein lernte ich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Burmesen ganz schnell kennen.

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Hier ist alles Gold, was glänzt

An einem Tag beschloss ich, mit dem alten, holprigen Zug eine Runde zu drehen. Dabei erhält man einen Einblick in das hiesige Pendlerleben, sieht die Landschaft vorbeiziehen und lernt ein authentisches burmesisches Transportmittel kennen. Als ich die Bahnhofshalle betrat, fragten mich zwei Herren, die an einem kleinen Tischchen sassen und den Reisenden Auskunft gaben, ob ich den Zug nehmen wolle. Sie zeigten mir den Weg zum entsprechenden Gleis und nickten mir freundlich zu. Auf dem Perron schaute ich mich suchend nach einem Ticketschalter um, als mich ein Mädchen ansprach und fragte, ob ich den Zug nehmen wolle (anscheinend ist dies das Einzige, was Touristen am Bahnhof machen). Ich bejahte und wurde von ihr zum Ticketschalter geführt, wo ich für eine Rundfahrt umgerechnet weniger als einen Schweizer Franken bezahlte. Das Mädchen fragte mich noch, ob ich Wasser kaufen wolle, was ich ablehnte, da ich noch welches hatte. Trotz meiner Befürchtung drängte mich die junge Verkäuferin zu gar nichts, sondern liess mich meinen Weg gehen. Das war ungewohnt. Im Zug sass ich dann auf einem einfachen Platz, eingepfercht zwischen Pendlern, die Feierabend hatten und nach Hause fuhren. Immer wieder stiegen Verkäufer ein, die lauthals Gemüse, Früchte oder Getränke an den Mann und an die Frau bringen wollten. Es war ein wunderbarer Ort, um die Einheimischen zu beobachten und einen ersten Eindruck dieser Menschen zu erhalten. Die Landschaft bot nicht allzu viel Spektakuläres, im Gegenteil sah ich leider wieder einmal riesige Abfallberge, die sich neben den Gleisen türmten. So holperten wir etwa eine Stunde lang dahin, bis ich mich entschloss, auszusteigen und zurückzufahren, da ich genug gesehen hatte. Als ich beim Betreten des Perrons erneut verloren um mich blickte, kam ein junger Mann aus der Menschenmenge auf mich zu und fragte, ob er helfen könne. Ich erklärte ihm, dass ich zurück nach Yangon fahren wolle, worauf er mir den Zug zeigte, der diesen Weg antrat. Als ich in ebendiesem sass, wählte ich den Platz am offenen Ausgang, um besser hinaussehen zu können. Neben mir sass ein junger Mann, der mich neugierig beäugte und mich dann in ein Gespräch verwickelte. Er war interessiert und stellte viele Fragen, erzählte aber auch von sich und seinem Land. Ich war baff ob der unglaublichen Freundlichkeit und Offenheit der Menschen hier. Anderswo tritt man solcher Freundlichkeit meist skeptisch entgegen, da man annimmt, dass die Person etwas verkaufen oder für ihre Dienste etwas verlangen will, doch bei den Burmesen scheint ein offenes, freundliches und hilfsbereites Gemüt schlicht zum Alltag zu gehören. So änderte ich meinen ersten Eindruck schnell und lernte als erstes die Leute dieses Landes lieben.

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Pendeln in Yangon

Nach ein paar Tagen entschied ich mich, weiterzuziehen. Ich kaufte ein Busticket für das ca. 7 Stunden entfernte Mawlamyine und wurde vom Taxi zum weit vom Zentrum gelegenen Busbahnhof gebracht. Wie schon zu vorherigen Zeitpunkten meiner Reise bezahlte ich für die viel kürzere Strecke zum Busbahnhof weit mehr als für den Bus zu meiner 330km entfernten Destination. Wiederholt wurde ich Zeuge der burmesischen Freundlichkeit: anstatt mich am chaotischen, unüberblickbaren Busbahnhof rauszulassen und mich meinem Schicksal zu überlassen, fragte der Taxifahrer mehrere Umstehende, welcher Bus mich nach Mawlamyine fahren würde und setzte mich schliesslich vor dem richtigen Transportmittel ab. Ich war die einzige Touristin und staunte über die Modernität des Fahrzeugs: es war das modernste, mit dem ich während meiner sechsmonatigen Reise gefahren war – und das im ärmsten aller besuchten Länder! Die Sitze waren gross, bequem und sauber, es gab genügend Freiraum für die Beine und im jeweils vorderen Sitz war – wie im Flugzeug – ein Tablet angebracht, auf dem man Filme schauen, Musik hören und Spiele spielen konnte. Ich war fasziniert und nutzte die Gunst der Stunde(n).

Nach einer kurzweiligen und angenehmen Fahrt kam ich in Mawlamyine an und wusste nicht so recht, was ich dort machen sollte. Mit dem Scooter kurvte ich durch die kleine Stadt am Meer und schaute mir an, was George Orwell damals so inspiriert hat. Es war nichts Aufregendes; ein paar charismatische Bauten, Pagoden und fotogene Strassenecken. Doch los ist nicht viel in Mawlamyine. Deshalb zog ich bald auch weiter, wieder etwas nördlich, nach Hpa an, das nur etwa zwei Stunden entfernt ist. In meinem Hostelzimmer erwartete mich Schimmel an der Wand, Würmer im Bad und muffige Luft, die Gastgeber waren jedoch sehr freundlich und ich fand bald Gesellschaft: Markus aus Mönchengladbach und Kiril aus Israel sollten für mehr als eine Woche meine Weggefährten werden. Wir gingen zusammen angeln (leider ohne Erfolg), erkundeten bei bestem Wetter die wunderschöne Landschaft der Umgebung und lernten bei einem grossen und langen Abendessen einen weiteren Israeli und eine Holländerin kennen. An einem Tag machte ich allein einen Auflug, da die Jungs diesen schon gemacht hatten. Als ich mit dem Scooter losfuhr und nach Kurzem am Strassenrand anhielt, um mich einzucremen, schaffe ich es nachher nicht mehr, das Gefährt zu starten. Ahnungslos versuchte ich einfach immer wieder, den Motor anzulassen, jedoch ohne Erfolg. Nach wenigen Minuten eilte ein Mann herbei, der mich gesehen haben musste, und betätigte wortlos irgendwelche Hebel am Scooter – und der Motor lief wieder. Ohne jemanden um Hilfe bitten zu müssen, wurde mir innert Kürze ganz selbstverständlich geholfen. Ich war dem jungen Mann dankbar und ein weiteres Mal gerührt von der Freundlichkeit der Burmesen. So fuhr ich danach weiter über – Überraschung – holprige Wege zu einer Höhle. Durch diese konnte man gehen, die Buddhastatuen und Gesteinsformationen im Innern bestaunen und am anderen Ende wieder ins Sonnenlicht treten. Anstatt zurückzulaufen kann man sich mit dem Boot rundherum zurückschiffen lassen. Ich sass mit vier Mönchen in einem einfachen Boot, welches ein einzelner Mann motorlos steuerte. Als wir so über das stille Wasser durch eine grüne, saftige Eben glitten, umgeben von Karstgebirge und die Stille nur vom Paddeln des Bootsführers unterbrochen wurde, erfasste mich eine Welle der Zufriedenheit. Da sass ich mit vier in weinroten Gewändern gehüllten Mönchen in einem einfachen Boot, brauchte nichts zu sagen oder fragen, um zu verstehen, dass wir in dem Moment alle die wunderschöne Natur genossen. Solche Augenblicke machen für mich das Reisen eben auch aus – Freude an den einfachen Dingen zu haben.

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Naturgenuss pur

Kiril, Markus, Surya (die Holländerin) und ich nahmen zusammen den Nachtbus nach Kalaw. Ich hatte schon angenehmere Reisen über Nacht mit weniger Stopps und mehr Schlaf, jedoch war ich wie immer, wenn ich mich für einen Nachtbus entscheide, froh, dass wir nach ca. 12 Stunden heil an unserem Ziel ankamen. Kalaw liegt etwa in der Mitte des Landes und weist tiefere Temperaturen auf als dort, wo ich vorher war. Zu sehen gibt es in Kalaw nicht allzu viel, beliebt ist der kleine Ort aber als Startpunkt für Trekkingtouren an den Inle See. Auch wir hatten diesen Plan, den wir zu viert in die Tat umsetzten. Innert drei Tagen wollten wir die knapp 60km unter die Füsse nehmen und dabei zweimal bei Einheimischen in abgelegenen Dörfern übernachten. Unser Guide war Wiwi, eine 21-Jährige aus der Region. Mit leichtem Gepäck machten wir uns auf durch Wälder, über Felder, auf steinigen und hügeligen Wegen und sogar auf Gleisen zu unserer ersten Unterkunft. Bis zum Mittagessen hatten wir angenehmes, wenn auch etwas schwüles Wetter, am Nachmittag regnete es immer mal wieder. Die Landschaft war schön, die Herausforderung etwa mittelmässig und die Beine bald mal schwer. Nach etwa sechs Stunden Marsch freuten wir uns auf eine Dusche aus dem Eimer, da war es auch egal, dass das Wasser kalt war. Wir nächtigten bei einer freundlichen Familie praktisch auf dem Boden und assen einfach aber gut. Am zweiten Wandertag fing es bald an zu regnen – und zwar so stark, dass wir alle nach Kurzem völlig durchnässt waren. Nicht nur der Regen schien aus Eimern zu kommen, auch meine Laune war im Eimer. Nasse Füsse zu haben ist etwas, das ich hasse. Da es zu allem Übel auch noch kühl wurde, war ich kurz davor, das Handtuch zu werfen. Wie von Zauberhand tauchte nach dem heftigen Schauer ein Pick Up auf, den wir auf Befehl von Wiwi bestiegen. So brachten wir die holprigste Fahrt und ein paar Kilometer hinter uns, was meine Mundwinkel wieder etwas nach oben zog. Nach etwa 20 Minuten Holterdiepolter kamen wir in einem Dorf an, wo wir assen. Der Nachmittag begann freundlich, jedoch regnete es ab einem gewissen Zeitpunkt immer wieder, so dass wir wieder nass wurden und auf dem aufgeweichten, matschigen Boden herumschlitterten. Es war irgendwie lustig, aber auch anstrengend und wir waren alle froh und erschöpft, als wir die Unterkunft erreichten. Dort nahmen wir wieder eine kalte bucket shower und freuten uns bei einem Bier auf das Essen. Die Gastgeber, ein älteres Paar, waren sehr freundlich und trotz der Sprachbarriere fühlten wir uns gut aufgehoben und willkommen. Es gab wiederum einfache Kost, verschiedenes Gemüse und Reis, die unser Guide zubereitet hatte.

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Saftig grünes Land

Nachdem wir uns relativ früh schlafen gelegt hatten, wachte ich mitten in der Nacht auf und fühlte mich unwohl. Ich versuchte noch, es zu verdrängen, doch die Übelkeit überkam mich und so rannte ich raus, um mich meines Abendessens zu entledigen. Draussen sass Kiril, der wie ich wohl etwas Schlechtes gegessen hatte und nun sein Feedback dazu bzw. von sich gab. Es war äusserst unangenehm; nicht mal Wasser konnte ich bei mir behalten. So war der Regen, der die ganze Nacht und am Morgen früh schon aufs Dach trommelte, geradezu willkommen. Denn Wiwi, unser Guide, entschied zusammen mit den anderen, bei diesem Sauwetter für die letzte Strecke den Pick Up zu nehmen. Wir wären nach wenigen Minuten völlig durchnässt gewesen und so macht es nun wirklich keinen Spass. Wir holperten bis uns nach Kurzem der Po weh tat ca. 1,5 Stunden lang bis zum Inle See, wo die anderen etwas assen und ich mich hinlegte. Nachdem der Regen aufgehört hatte, liessen wir uns innert etwa einer Stunde per Boot zu unserem Ziel schippern. Der See ist sehr gross und bietet mit seinen grossen Feldern an grünen Wasserpflanzen, anderen Booten mit Fischern und dem einheimischen Treiben am Ufer viele gute Möglichkeiten für Schnappschüsse. Ich war jedoch zu erschöpft und fiel dann im Hostel nach einer warmen (!) Dusche nur noch ins Bett. Am Nachmittag traute ich mich dann und machte, was ich bei Übelkeit – und nur bei Übelkeit – meistens tue: ich trank eine Cola. Meines Wissens ist eine positive Wirkung von Cola bei Magenproblemen wissenschaftlich nicht erwiesen, jedoch scheint bei mir der Placebo-Effekt meistens wirksam. So konnte ich das Getränk bei mir behalten und wagte mich abends sogar an eine Suppe. Wie schon beim letzten Mal, als mir übel war, verging mir der Appetit für eine Weile und ich hatte oft nach wenigen Bissen schon genug gegessen. Es kam mir vor, als hätte ich das Gegenteil von Bandwürmern: anstatt dass ich als Wirt für die gruseligen Wesen wie ein Loch esse, schien mein Magen geschrumpft zu sein und ich ass nur noch ein paar Happen. Auf jeden Fall erholte ich mich körperlich, war aber dennoch ständig müde und erschöpft. So machte ich dann auch nicht viel, während die anderen einen Tag nach unserer Trekking-Rückkehr schon wieder einen Ausflug machten. Die fünfeinhalb Monate Wanderschaft zeigten sowohl körperlich als auch mental ihre Auswirkungen. Dennoch wollte ich den Rest der Zeit noch nutzen, um dieses wunderbare Land zu bereisen. So fuhr ich mit meinen drei Reisegspänli weiter nach Mandalay, wo wir mitten in der Nacht ankamen. Die drei wollten in der Stadt bleiben, ich hingegen wollte weiter westlich, nach Bagan reisen. Da jedoch der erste Bus erst um ca. 6 Uhr fuhr, wartete ich im rauchgeschwängerten, offenen Restaurant inmitten des Busbahnhofs. Man hätte angesichts der frühen Stunde meinen können, dass sich noch nicht viel Volk auf dem matschigen Gelände tummelte, jedoch war ich umgeben von Burmesen, die ihren Tee oder Kaffee tranken, miteinander plauderten und die Nacht zum Tag machten. Anscheinend war ich nicht die einzige Gestrandete, sehr wohl aber die einzige Touristin. Mir wurde auch sogleich geholfen, meinen Anschluss-Bus zu finden. Auf die Hilfsbereitschaft der Burmesen ist wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit Verlass! So schlürfte ich einen leckeren burmesischen Tee und vertrieb mir die Zeit mit Kartenspielen im Internet.

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Morgens um 4 Uhr in Mandalay…

Zum Glück fuhr der Bus fast pünktlich los und brachte mich direkt zu meinem Hostel. Dort erholte ich mich erstmal von den Strapazen der längeren Reise mit einer Dusche und einem Nickerchen. Mit den beiden Frauen in meinem Dorm aus Ungarn und Japan ging ich essen und verbrachte den angebrochenen Tag ohne grossen Anstrengungen. Dafür machte ich an einem Tag eine Tour zu verschiedenen Pagoden und Tempeln in Bagan mit einer Gruppe von Leuten meines Hostels. Diese wurde geführt von einem Burmesen, der sehr gut Englisch sprach und sehr viel über Bagan und all die Bauten zu erzählen wusste. Bagan besitzt ein archäologisches Gebiet, das sich über 41 Quadratkilometer erstreckt und trotz Plünderungen, Erosionen und regelmässigen Erdbeben nach wie vor mehr als 4000 buddhistische Tempel, Stupas und Pagoden zu bieten hat. Auch wenn ich nach fünfeinhalb Monaten etwas reisemüde war, schaffte es die Umgebung, mich in ihren Bann zu ziehen. Es war etwas ganz anderes, als ich es bisher gesehen hatte und ich schoss viele Fotos der vielen Sehenswürdigkeiten. Da das Gebiet so gross ist und die Temperatur sehr hoch war, strampelten wir uns nicht auf einem Fahrrad ab, sondern düsten mit einem Elektroscooter durch die Gegend. Das war ein grosser Spass! Die Dinger fahren völlig lautlos, sind kinderleicht zu bedienen und dazu noch umweltfreundlich. Wir kämpften uns über schlammige Wege, verloren in dem Morast teilweise fast unsere Flip Flops und blieben ab und zu stecken. Mit der unterhaltsamen Truppe aus Brasilianerinnen, US-Amerikanern, Französinnen, Malaysierinnen, einer Litauerin, einem Vietnames-Schweizer und einer Namibierin (der ersten Schwarzafrikanerin, die ich auf meiner Reise traf) verbrachte ich eine gute Zeit und obwohl wir den Sonnenuntergang wegen Wolkenfeldern nicht wirklich beobachten konnten, war ich froh, die Tour mit einer Truppe unternommen zu haben.

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Tempel, Stupas und Pagoden, so weit das Auge reicht

Nach ein paar Tagen reiste ich zurück nach Mandalay, wo ich mich für eine letzte Zugreise entschied. Doch bevor es weiterging, wollte ich mir das Fussballspiel Schweiz – Brasilien natürlich nicht entgehen lassen. Auch wenn der Match nirgends mehr gezeigt wurde, da wegen der Zeitverschiebung hier erst um 00:30 Uhr angepfiffen wurde. So musste ich das Spiel auf meinem Handy schauen – in schlechter Streaming-Qualität, teilweise nur mit Standbild und natürlich mit Kopfhörern, da ich in im Bett im Dorm schaute, wo die anderen schon schliefen. So musste ich denn auch die Freude über das Tor und das Unentschieden im Stillen zeigen… Sicherlich ein einzigartiges, unvergessliches Fussballspiel-Erlebnis!

Für die Zugreise liess ich mich erstmal mit dem Auto nach Pyin oo Lwin transportieren, wo ich nur übernachten wollte, um am nächsten Morgen den Zug zu nehmen. In Mandalay hätte ich für denselben Zug etwa um 4 Uhr morgens aufstehen müssen, in Pyin oo Lwin konnte ich bis 6 Uhr schlafen. Als ich am kleinen Bahnhof war und von meinem Fahrer ins Ticketbüro geführt wurde, sassen dort mehrer Männer vor grossen Büchern, in die sie Name, Nationalität etc. der Reisenden eintrugen. Ein Mann meinte zu mir, als ich ihm meinen Pass gab: “Ah, Switzerland, you play good football!”. Ich nickte stolz und auf das Spiel gegen Brasilien bezogen sagte er: “One zero!” und da ich selbst im Ausland das Unentschieden wie einen Sieg gefeiert hatte, nickte ich automatisch.

Als der Zug dann laut ächzend einrollte, setzte ich mich in die 1. Klasse, wofür ich 1.85 Schweizer Franken bezahlt hatte. Wir fuhren los und vom ersten Moment an merkte ich, dass es eine unruhige Fahrt sein würde. Der Zug bewegte sich auf und ab, vor und zurück und nach links und rechts. An Stillsitzen war nicht zu denken! Doch gerade deswegen und aufgrund der vorbeiziehenden grünen Landschaft war die Fahrt ein tolles Erlebnis. Zu Beginn hatte ich und die Touristen vor mir die Fenster oben, um den Fahrtwind zu spüren und die Natur visuell und olfaktorisch geniessen zu können. Teilweise schlugen Sträucher an den Zug und lugten sogar in den Zug hinein, weshalb man beim Herausschauen darauf achten mussten, wann wieder ein Gebüsch zu nahe am Gleis stand. Irgendwann setzte der Regen ein und ich fand im schaukelnden Gefährt auf den Stoffsitz gekuschelt tatsächlich etwas Schlaf. Eine Touristin weckte mich dann, als wir uns der beeindruckenden Brücke näherten, die ich unbedingt auch sehen wollte. Dankbar rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und nahm meine Kamera hervor. Das Goteik-Viadukt ist ca. 700 Meter lang und prangt 100 Meter über dem Erdboden. Als es 1900 gebaut wurde, war es lange Zeit die grösste Eisenbahnbrücke der Welt und wurde damals als Meisterwerk angesehen. Eindrücklich ist das Viadukt auch heute noch, und so sah man denn auch viele Köpfe, die aus den Fenstern gestreckt wurden.

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Hoch über dem Goteik-Viadukt

Die meiste Zeit der sieben Stunden Zugfahrt schlief ich, schaute aus dem Fenster und machte Fotos (was angesichts der fehlenden Stabilität etwas schwierig war). Der Regen hielt sich und so kam ich dann am frühen Nachmittag im grauen und nassen Hsipaw an. Das Hostel, das ich ausgewählt hatte, schickte einen Fahrdienst an den kleinen Bahnhof, um die Reisenden, die bei ihnen gebucht hatten, abzuholen. Zwei Gäste brachten sie jedoch zuerst ins Krankenhaus, da jemand von ihnen am Bahnhof in Pyin oo Lwin von einem streunenden Hund in den Fuss gebissen worden war. Ich hatte die Hunde dort auch gesehen und mir nichts dabei gedacht, da mir auf meiner ganzen Reise schon so vielen Hunden begegnet war. Ich war in dem Moment sehr froh, dass mir nichts passiert war, denn obwohl ich gegen Tollwut geimpft bin, braucht es innerhalb einer gewissen Zeit eine weitere Impfung, die nicht in jedem Spital vorhanden ist… Ich habe nicht mitbekommen, ob der junge Mann in Hsipaw ein Gegengift gefunden hatte oder ob er den Weg zurück nach Mandalay auf sich nehmen musste.

Im Hostel erkundigte ich mich erstmal, was die Gegend um Hsipaw zu bieten hat. Man konnte vor allem mehrtägige Wanderungen unternehmen, die an Wasserfällen vorbei, durch abgelegene Dörfer und über grüne Hügel führen. Ich war jedoch zu erschöpft, um wandern zu gehen und so sah ich mir den Ort selbständig auf dem Drahtesel an. Dabei traf ich Markus und Kiril wieder, mit denen ich die Wanderung zum Inle-See unternommen hatte. Zusammen besuchten wir den Shan Palast, wo wir von der Besitzerin und ihrem Ehemann freundlich aufgenommen wurden. Sie erzählte uns in bestem Englisch die tragische Geschichte des Onkels ihres Mannes, der als letzter Sawbwa-Prinz (des Shan-Staates) in den 60er Jahren spurlos verschwunden war. Kya Seng, so hiess der Prinz, heiratete eine Österreicherin, Inge Eberhard, die er während seines Studiums in den USA kennenlernt hatte. Sie wurde somit zur Prinzessin und gebar zwei Töchter. Inge integrierte sich bestens in die für sie völlig fremde Kultur und nahm auch einen burmesischen Namen an: Sao Nang Thusandi. Das Schaffen ihres Ehemannes gefiel wahrscheinlich der damaligen Regierung nicht und so kam es, dass er eines Tages verschwand und nie mehr auftauchte. Seine Ehefrau tauchte dann irgendwann mit ihren Töchtern in die USA ab, heiratete wieder und lebt auch heute noch dort. Ihr Buch Twilight over Burma steht auf meiner Bücherliste; es muss sehr lesenswert sein. So hat mich schon die Erzählung der Gastgeberin wahnsinnig beeindruckt.

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Ein Mönch bei der Arbeit

Nachdem ich in der Gegend noch einige Pagoden, Mönche und ein Fussballspiel der WM gesehen hatte, fuhr ich mit dem Bus zurück nach Mandalay. Gerne wäre ich noch mehr in die Umgebung Hsipaw’s eingetaucht, jedoch merkte ich deutlich, dass ich nach knapp sechs Monaten Reisen am Ende meiner Kräfte war und nicht mehr grosse Sprünge machen konnte, obwohl an jeder Ecke Sehenswürdigkeiten, die wunderschöne Natur und die unglaublich freundlichen Menschen riefen. Es war für mich eindeutig Zeit geworden, die grossartige Reise zu beenden und nach Hause zurückzukehren. So verabschiedete ich mich von Myanmar in Mandalay, wo ich mit den allerletzten Kraftreserven noch einen kleinen Ausflug machte. Mit dem Scooter fuhr ich einen Hügel empor, wo mich eine herrliche Aussicht auf die Stadt und die Umgebung erwartete. Ich war, wie so oft, fast die einzige Touristin und wurde dabei von den Menschen freundlich beäugt. Eine junge Frau kam dann auch auf mich zu und sprach mich auf Englisch an; woher ich komme, wo ich schon gewesen sei und wohin es noch gehe. Ich plauderte mit ihr und stellte schliesslich fest, dass sie eine Schülerin war und ihr Englisch praktizieren wollte. Man stelle sich das mal in der Schweiz vor: Da kommt einfach jemand, der die Sprache verbessern und deswegen reden will! Ich war fasziniert und musste noch mehr lächeln, als eine Frau ihren Sohn neben mich “schubste”, um ein Foto von ihm mit einer Touristin schiessen zu können. Ich schien dem Buben nicht ganz geheuer zu sein, dennoch schaffte er es, genug lange neben mir stehen zu bleiben, damit seine Mutter ein Erinnerungsfoto von ihm mit einer Westlichen machen konnte. Weiter fuhr ich zum Taungthamansee, über den die U-Bein-Brücke führt. Diese ist über einen Kilometer lang und gilt als längste Teakholz-Brücke der Welt. Die Stimmung zum Sonnenuntergang gefiel mir sehr, auch die Brücke war schön anzusehen, jedoch herrschte für meinen Geschmack etwas zu viel Betrieb – auf der Brücke und am Ufer tummelten sich wahnsinnig viele Menschen (hauptsächlich Burmesen), weshalb ich gleich nach Sonnenuntergang den Rückweg unter die Räder nahm. Nachdem ich meinen letzten Ausflug in Myanmar unternommen hatte, flog ich am 25. Juni wieder nach Bangkok, wo meine Reise Ende Dezember 2017 ihren Lauf genommen hatte. Ich deckte mich mit Souvenirs ein, genoss ein letztes Mal die feine thailändische Küche und verabschiedete mich in Thailand stellvertretend von diesem wunderbaren Kontinenten bzw. von Südostasien. Es war eine neue Erfahrung, da ich zuvor noch nie asiatischen Boden betreten hatte und ich war sehr froh, dass ich in der Gelateria nicht wie sonst immer Schokolade (Südamerika) bestellt, sondern für einmal etwas anderes, Unbekanntes probiert hatte. So kehrte ich am 28. Juni mit vielen Erinnerungen, Geschichten und Erfahrungen im Gepäck zurück in die Schweiz, wo ich sicherlich noch lange von meiner Reise zehren werde…

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Offene Freundlichkeit

Als Schlussbild ein Mann, den wir auf unserer Wanderung zum Inle-See angetroffen hatten. Während des strömenden Regens durften wir in seiner einfachen Hütte einen warmen Tee trinken und uns am Feuer wärmen. Stellvertretend steht er für die Freundlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft all der Menschen, denen ich auf meiner sechsmonatigen Reise durch Südostasien begegnet bin.

Herzlichen Dank und auf Wiedersehen!

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Tiefpunkt und Überraschung

Von der Hitze Mui Ne’s fuhr ich innert ca. 4,5 Stunden im holprigen Bus ins 1’475 M.ü.M. gelegene Dalat, das mit eleganten französischen Kolonialvillen, Wasserfällen und saftig grünen Reisfeldern lockt. Die Temperaturen sind hier angenehm kühl, im Vergleich zu der Hitze im Süden ist es gar richtig kalt. Ich fand in einem wunderbaren Hostel Unterschlupf, wo es das beste Essen gab (abends Familydinner), bequeme und saubere Schlafsäle und die absolut freundlichsten Mitarbeiter. Zudem knüpfte ich Kontakt mit anderen Reisenden und so kam es, dass ich mit einem Deutschen, einem Österreicher, einer Norwegerin und einem Israeli 40km mit dem Scooter zum grössten Wasserfall Vietnams namens Pongour fuhr (besonders interessant, da ich noch kaum Norweger und Österreicher beim Reisen angetroffen habe). Der Wasserfall war nett anzusehen, haute mich jedoch nicht vom Hocker. Da hatte ich schon schönere gesehen. Es mag auch daran liegen, dass Trockenzeit herrscht und das Wasser deshalb nicht in seiner ganzen Masse in die Tiefe fällt. Nachdem wir gebadet, den verlorenen Scooter-Schlüssel des Österreichers gesucht und gefunden hatten, wollten wir unsere hungrigen Bäuche beruhigen und fuhren auf der Suche nach einem Restaurant zurück Richtung Dalat. Dieses Mal ging es jedoch nicht hauptsächlich auf der Schnellstrasse durch’s Land, sondern über kleine, holprige Landwege durch kleine Dörfer. Bis der Regen kam. Die Schleusen des Himmels wurden geöffnet und es regnete in Strömen. Wir kauften uns in einem kleinen Laden farbige Pellerinen und düsten durch das kühle Nass, nun nicht nur auf der Suche nach Essen, sondern auch nach einem trockenen Unterschlupf. Diesen fanden wir nach ein paar Minuten in einer einfachen Garage, wo uns Tee und eine Suppe mit Nudeln serviert wurde. Da es weiter schiffte, blieben wir auf den Plastikstühlen sitzen und spielten Karten. Es war zwar kalt, wir waren nass und froren, dennoch war es eine unterhaltsame Truppe und wir versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Als der Regen endlich nachliess, fuhren wir mit langsam klammen Fingern Richtung Dalat, wobei wir im Restaurant einer Kaffeefarm Halt machten. Dort wird ein sehr spezieller Cà phê zubereitet: die von Wieseln gefressenen und wieder ausgeschiedenen Kaffeebohnen werden wie normale Bohnen verarbeitet und den Menschen als Kaffee serviert… na dann Prost! Ich trank lieber eine heisse Schokolade (bin ja sowieso keine Kaffeetrinkerin).

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Zucchetti- und Erdbeerberge

Im Hostel beobachtete ich an einem Morgen die Norwegerin, die im selben Dorm war, wie sie ihr Bett absuchte. Beunruhigt fragte ich sie, was los sei und wusste eigentlich schon, was sie antworten würde. Bettwanzen. Sie sei an mehreren Stellen gebissen worden und sei sich sicher, dass es in diesem Hostel passiert sein muss. Langsam war ich den ganzen Mist Leid. Die Viecher sind eine richtige Plage und unglaublich anstrengend. Ich hatte selber auch Stiche, wobei ich nicht wusste, von welchem Ungeziefer. Zur Sicherheit bevorzugte ich jedoch, das Zimmer ebenfalls zu wechseln. Nach der Inspektion der neu zugeteilten Betten entdeckten wir unter der einen Matratze tatsächlich eine einzelne Bettwanze… Ich war trotz aller Annehmlichkeiten und Freundlichkeiten froh, als ich das Hostel am Tag darauf ohne weitere Bisse verlassen konnte. Mit dem Bus ging es während ca. vier Stunden nach Nha Trang, das an der Küste liegt und mit Stränden lockt. Jedoch hatte ich ein anderes Ziel vor Augen: mit dem Zug sollte es nach Zentralvietnam gehen, genauergesagt nach Hoi An. Um ca. 14:00 Uhr fuhr ich, in einem Vierer-Liege-Abteil, los gen Norden. Als ich mein “Bett” (Pritsche) aufgespürt hatte, befanden sich schon fünf Personen in dem kleinen Abteil. In dem Moment, in dem sich diese als wahre Quasselstrippen entpuppten und die eine Vietnamesin immer mal wieder wie von Sinnen herumschrie, vermisste ich meinen iPod wahnsinnig fest und versuchte mich zu beruhigen, indem ich mir sagte, dass es auch mehr als zehn Stunden Zugfahrt sein könnten und dies ja noch machbar sei…

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Sujets wo man hinblickt

Irgendwie überstand ich die Zeit dann auch (mit Lesen, Schlafen und der Suche nach akustischer Ablenkung auf meinem Handy) und traf um kurz vor Mitternacht in Danang ein. Vom Bahnhof aus versuchte ich, mein Hostel zu Fuss zu finden. Mir wurde der Standort auf meiner Offline-Karte zwar angezeigt, ich sah jedoch nirgends ein Hostel. So fragte ich in einer Imbissbude, die zu später Stunde noch offen war, nach, ob jemand das Hostel kenne. Nach kurzem Austausch untereinander und wiederholter Nachfrage bei mir, meinte der eine Typ, dass er mich mit dem Motorrad hinfahren würde – “no pay”, ohne dass ich zahlen müsse. Ich war zwar schwer bepackt und kannte den Fahrstil des Fremden nicht, war aber zu erschöpft, um selber weiterzusuchen oder jemand anderen um Hilfe zu fragen. Ein Fehler. So fuhr der hilfsbereite Herr mit mir und meinem Gepäck los und entfernte sich immer mehr von meinem Zielpunkt. Ich fragte, ob er wisse, wo er hinfahre, was er aufgrund fehlender Englischkenntnisse weder verstand noch hätte zugeben können. Denn es zeigte sich schnell, dass der gute Mann keine Ahnung hatte, wohin er mich bringen sollte. Nach einem kurzen Stopp und der Erkenntnis, dass wir wieder zurückfahren mussten, entfernte sich der Vietnamese in die andere Richtung des gewünschten Ziels. Anstatt mich im verdienten Bett niederzulegen und zu schlafen machte ich mit irgendeinem Fremden nächtliche Spritztouren ohne Ziel. Zu viel des Guten für mich. Ich war völlig verschwitzt, erschöpft und müde, so dass ich den armen Menschen anherrschte, dass er sofort zurückfahren solle und ich absteigen wolle. Und siehe da, wie durch ein Wunder standen wir plötzlich vor einer engen Gasse mit einem Schild, das zu meinem Hostel führte. Beschämt bedankte ich mich bei dem ahnungslosen, netten Menschen und begrub mich und meinen gerissenen Geduldsfaden schnell im Bett.

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All diese Farben!

Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus weiter nach Hoi An. Die Fahrt dauerte zum Glück nur knapp eine Stunde. Ich hatte einen netten Homestay gefunden, in dem die Besitzer zwar kaum Englisch sprachen, nichtsdestotrotz sehr freundlich und hilfsbereit waren. Die Altstadt Hoi Ans ist wahnsinnig malerisch und hübsch anzusehen: alte Häuser reihen sich in der ehemaligen Hafenstadt aneinander, unzählige bunte Girlanden baumeln im Wind und zig Schneider versuchen, massgeschneiderte Kleider an den Mann und die Frau zu bringen. Touristen hat es in dem Ort viele, so ist es in den Strassen oft eng und es fühlt sich fast so an, wie an einem Jahrmarkt mit all den Lichtern und dem Essen, das an jeder Ecke verkauft wird. Ich habe wirklich gut gegessen in Hanoi, fand aber, dass das Essen in ganz Vietnam lecker war. Nach der Erkundung mehrerer älterer Häuser, Museen und einer traditionellen Kunstshow begutachtete ich auch noch den Strand in Hoi An, der klein aber fein war und sehr einladend wirkte.

 

Ich hätte gut und gerne noch länger in dem sehr touristischen und teilweise kitschig anmutenden Ort bleiben können, jedoch drängte die Zeit langsam. So fuhr ich im Liegebus ins ca. vier Stunden entfernte Hue, wo ein ehemaliges Kaiserreich mit Tempeln in einer riesigen Zitadelle lockte. Dort angekommen informierte ich mich erstmal über diese Sehenswürdigkeit und entschied mich nach längerem Überlegen dafür, nach einer Nacht in Hue weiterzuziehen und mir die Citadel nicht anzusehen. Ich hatte mittlerweile schon genügend Tempel gesehen und wollte stattdessen lieber noch einen Abstecher in die Natur machen. Klar fragte ich mich, ob ich den von Sinnen war, diese absolute Sehenswürdigkeit auszulassen, zumal ich ja extra deswegen nach Hue gefahren war. Nun, mir waren Vorgaben oder Erwartungshaltungen grad ziemlich egal, lieber teilte ich meine restliche Zeit in diesem wundervollen Land für etwas ein, das ich wirklich sehen wollte. Und dazu gehören Tempel nach so vielen besuchten Stätten im Moment nicht (mehr). Ich fuhr also innert ca. fünf Stunden, untermalt vom lautesten Schnarchen, das meine Ohren jemals erreicht hat, weiter nördlich in den Nationalpark Phang Nha, wo mich der Junge des Guesthouses, in dem ich schlafen wollte, mit dem Scooter von der Bushaltestelle abholte.

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Row, row, row, row your boat

In meinem Dorm nächtigten neben mir zwei Kanadier, die sich unterwegs getroffen hatten und zusammen die Ho Chi Minh-Road unter die Räder nahmen. Unterschiedlicher hätten die beiden nicht sein können: da war Christian, der mich von der Statur und der Frisur an Gérard Dépardieu und von der Mimik und dem Blick her an Christoph Waltz erinnerte. Er kam aus dem französischen Teil Kanadas und hatte einen ungewohnten Akzent (sowohl in Englisch als auch in Französisch). Lustigerweise ist der 62-Jährige Übersetzer, wobei er seinen Job von überall aus machen und so in der Welt umhertingeln kann. Nicht nur sein Metier ist die Kommunikation, auch in seiner Art ist er sehr kommunikativ: seine Gedanken sprudlen nur so aus ihm heraus, er redet wie ein Buch und scheint sich dabei seiner Logorrhö nicht bewusst zu sein. Sehr sympathisch und unterhaltsam, nach einer Weile aber auch etwas anstrengend, wenn jemand nonstop in kanadischem Französisch auf einen einredet… Ganz das Gegenteil war Matt, der so alt ist wie ich, und nur das Nötigste sagte. Mit seinem schlaksigen Körper und der ruhigen Art war er ein wunderbar ulkiger Partner von Gérard Waltz – welch herrliches Gespann hatte ich da gefunden! Mit den beiden verbrachte ich zwei Tage in den Höhlen der Umgebung. Einmal schipperten wir mit einem Boot hinein, wobei in der Höhle selber der Motor abgestellt wurde und je eine Frau vorne und hinten am Rudern war. Es war zum Teil recht dunkel und die Grösse der Höhle beeindruckte uns alle. Erst vor wenigen Jahren wurde in dem Nationalpark die grösste Höhle der Welt gefunden. Wir begnügten uns mit der Phong Nha-Höhle und der Dark Cave. In Letzterer konnten wir per Ziplining den Fluss überqueren, der uns in die Höhle führte. Im Bikini, mit Helm und Stirnlampe ausgerüstet begaben wir uns ins Innere und badeten schlussendlich sogar im Schlamm. Es war etwas eklig und aufregend zugleich. Das Highlight war, als wir alle die Stirnlampen ausschalteten und komplett im Finstern waren. Sehr spooky, vor allem wenn man weiss, wie viele Tiere in der grossen Höhle wohnen… Den Schlamm wuschen wir uns im erstaunlich sauberen Fluss ab und fuhren dann mit dem Motorrad zurück ins Dorf. Die Umgebung lud dabei immer wieder zum Absteigen und Fotografieren ein: weite Reisfelder, grünbewachsene Karstberge und Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Gerne wäre ich noch länger in diesem herrlichen Plätzchen geblieben, doch mein letzter Halt rief: Hanoi.

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Skeptische kleine Mitfahrerin

Von meinem Guesthouse aus hätte ich direkt mit dem Nachtbus nach Hanoi fahren können. Da ich im Internet von dieser Reise nur Negatives gelesen hatte und sowieso lieber Zug fahre, entschied ich mich für die Reise auf den Schienen. Mit dem Bus fuhr ich in knapp zwei Stunden nach Dong Hoi und nahm von dort den Zug, der mich innert ca. elf Stunden in die zweitgrösste Stadt Vietnams bringen sollte. Ich hatte ein Bett bzw. eine Liege in einem Sechserabteil erhalten und war zuversichtlich, dass ich gut schlafen kann. Abgesehen von der Klimaanlage, die direkt über mir lautstark eiskalte Luft ins Abteil blies, war es auch eine ganz angenehme Nacht – wenn da nicht dieses Ereignis gewesen wäre, das mich ins Loch riss…

Das Erwachen am Morgen war gemütlich, durch die Lautsprecher drang ein vietnamesisches Lied über Hanoi, gefolgt von einer angenehmen Stimme, die auf Vietnamesisch und dann auf Englisch einiges über die Stadt erzählte. Obwohl es Morgen früh war und der Schlaf hätte länger sein können, freute ich mich, im vielgelobten Hanoi angekommen zu sein. Ich checkte in mein Hostel ein, nachdem ich mit dem Moto-Taxifahrer erfolgreich verhandelt hatte. Auf seinen ersten Vorschlag von 200’000 Vietnamesische Dong (ca. CHF 8.50) hin konnte ich nur lachen. Schlussendlich bezahlte ich für die 5-minütige Strecke 40’000 Dong (ca. CHF 1.70), was absolut angemessen ist. Ich erkundete Hanoi mit seinen Millionen von Scootern, religiösen Bauten (z.B. den Literaturtempel), Museen (z.B. das Frauenmuseum) und der belebten Altstadt.

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Im Literaturtempel

Abends, als ich für mein e-Visa für Myanmar meine Kreditkarte brauchte, fand ich meinen Geldgürtel in meinem im Locker abgeschlossenen Rucksack nicht. Mich überkam Panik, als ich den ganzen Inhalt des Rucksacks ausleerte und erfolglos nach dem Geldgürtel suchte. Nachdem ich mein Portmonnee mit den Fremdwährungen öffnete und mich gähnende Leere erwartete, traf mich die Gewissheit wie ein Blitz: ich wurde bestohlen. Nebst dem iPod, der mir im Nachtbus nach Siem Reap heruntergefallen war und den jemand mitgenommen hatte, war ich in meinem Leben noch nie bestohlen worden. In mir öffneten sich die Pforten und ich heulte wie ein Schlosshund. Der Verlust der ca. CHF 300.-, der Kreditkarte und anderer Karten war eine Sache, besonders schlimm war aber, dass sich im Geldgürtel ein Memorystick mit allen Fotos der vergangenen knapp fünf Monate, die ich mit meiner Kamera gemacht hatte, befand. Es kam mir im ersten Moment vor, als hätte mich jemand aller Erlebnisse meiner fünf Monate beraubt, als wäre diese Zeit jäh ausgelöscht worden. Ich hatte immer gesagt, dass man eine Kamera ersetzen kann, die Erinnerungen, die darauf gespeichert sind, unersetzbar sind und ich vor einem solchen Verlust am meisten Angst habe. Und nun war er da, dieser Moment. Wegen einer dummen, naiven Unachtsamkeit meinerseits…

Ich war im Nachtzug aufgewacht und spürte meine Blase. Da ich das Gefühl hatte, dass die anderen fünf Personen in meinem Abteil fest schliefen und ich nur ein paar Minuten weg sein würde, liess ich meinen Rucksack auf meinem Bett. Das Fach mit den Wertsachen war mit einem Schloss gesichert (nur halbherzig, wie sich herausstellen sollte). Auf dem Stehklo stand alles unter Wasser bzw. Urin, es gab keine Haken oder Ablageflächen, wo ich den Rucksack hätte aufhängen oder abstellen können. Als ich zurück ins Abteil kam war es ruhig, nur meine Decke, die etwas anders da lag, als ich sie zurückgelassen hatte, machte mich stutzig. Ich war jedoch zu müde und gutgläubig, als dass ich etwas Böses ahnen würde. Morgens sah ich den anderen Passagieren, alles Vietnamesinnen, ins Gesicht und hatte den Diebstahl noch immer nicht mitbekommen. Dies ist etwas, das ich besonders schlimm finde: die Dreistigkeit, mit der mich die Frauen (ich werde Frauen niemals mehr als Männern vertrauen!) bestohlen hatten. Während ich ein paar Minuten auf dem WC verschwand, nahmen sie mich aus, den fetten westlichen Geldesel. Das Schloss liess nämlich zu, dass eine schmale Hand in das Fach greifen kann… Ohne Schuldgefühle schauten sie mir morgens in die Augen, mir, der dummen dummen Touristin, die ihren Rucksack im Abteil liegen lässt. Und statt das für sie Wertvolle aus dem Geldgürtel zu nehmen (Kreditkarte) und das nur für mich Wertvolle liegen zu lassen (Memorystick mit Fotos), nahmen sie alles mit. Wut, Trauer, Ärger über mich selber und eine grosse Leere wechselten sich ab. Der Staff des Hostels, in dem ich schlief, war extrem freundlich und hilfsbereit. So begleitete mich an dem Abend, als ich den Diebstahl bemerkt hatte, eine Mitarbeiterin zum Bahnhof, wo wir von den Mitarbeitern der Zuggesellschaft an die Polizei verwiesen wurden. Dort erstattete ich Anzeige und liess die Mitarbeiterin des Hostels die Übersetzungsarbeit übernehmen. Auch ohne ein Wort zu verstehen wurde mir schnell klar, dass die hiesige Polizei Wichtigeres zu tun hat, als dem Diebesgut einer weiteren Touristin nachzugehen. Ich hatte anfangs noch die Hoffnung, dass die Vietnamesinnen im Zug genau wie ich ihre Identität angeben mussten (Name und Passnummer), so dass man ihnen nachgehen könnte. Doch was dann? Anrufen und fragen “Guten Tag, haben Sie eine Touristin bestohlen?”. Ich verlor die Hoffnung schnell. Auch als ich unter den FAQ der vietnamesischen Zuggesellschaft auf die Frage nach vergessenem/verlorenem Gepäck im Zug las, dass dies ein Problem des Passagiers sei und das Gepäck eben verloren sein würde. So etwas wie ein Fundbüro gibt es hier nicht. Ich war am Boden zerstört und nickte nur halbherzig, als mir der Staff versicherte, dass sie alles Mögliche tun und mit der Polizei zusammenarbeiten würden. Weg ist weg. Ich musste mich damit abfinden.

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Hanoi’s Altstadt

Wie durch einen Wink des Schicksals fand ich während dieser für mich sehr schwierigen Stunden über das gute alte Internet heraus, dass Dari, eine ehemalige Poetry Slammerin, die ich vor neun Jahren kennengelernt und vor acht Jahren das letzte Mal gesehen hatte, auch gerade in Hanoi weilte. Bevor ich mich ganz verkroch und in meinem Elend suhlte, ergriff ich diese Möglichkeit der Ablenkung. Und es stellte sich heraus, dass es die beste Form der Ablenkung sein sollte. Wir trafen uns und obwohl wir uns damals nie richtig gut kennenlernten und befreundet hatten, hatten wir sofort einen Draht zueinander. Gemeinsam mit einem Portugies-Schweizer und einem Israeli beschlossen wir, die Gegend um die Halong-Bucht zu besuchen. Da die Bucht selber völlig von den Touristen überrannt sein muss, entschieden wir uns für die Lan Ha-Bucht, die ganz in der Nähe der Halong-Bucht liegt, weniger besucht, aber genau so schön sein soll. Dafür fuhren wir auf die Cat Ba-Insel, von wo aus wir eine Tour buchen wollten. Doch am ersten Tag nach der Ankunft gab es noch etwas Zeit totzuschlagen. So liehen wir uns Motorräder aus und fuhren in den Nationalpark der Insel. Cat Ba selber ist keine Schönheit. Es scheint alles nur für die Touristen gemacht worden zu sein, jedoch für Touristen der 80er Jahre. Der Ort auf der Insel selber hatte keinen Charme und so flohen wir gerne in die Natur. Im Park bestiegen wir einen Hügel, der uns nebst literweise Schweissausbrüchen eine fantastische Aussicht bescherte. Die grünbewachsenen Karstberge auf dem Land und im Meer boten nebst dem Grün des Waldes ein einzigartiges Panorama, das mich zuweilen in einer anderen Welt glauben liess. Wir waren dort oben meilenweit weit weg von allem und ich fühlte mich so frei und leicht wie schon lange nicht mehr. Dass es noch besser kommen würde, hätte ich nicht erwartet.

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Willkommen in der “WOW”-Region, Lan Ha-Bucht

Unsere Tour startete morgens nach unserer verspäteten Ankunft und einer grossen Überraschung für mich: da erkannte ich noch im Reisebüro ein Gesicht, das ich anfangs Februar in Thailand gesehen hatte. Es war der nette Franzose, der mich im Hostel in Lopburi an den Frühstückstisch, wo er und seine Freunde sassen, einlud, da ich alleine ass. Wie klein die (Reise-)Welt doch ist! Er erinnerte sich an mich und wir unterhielten uns über die bisherigen Erfahrungen, die wir in der Zwischenzeit gemacht hatten.
Mit dem Boot ging es dann los in die herrliche Lan Ha-Bucht, wo Karstberge aus dem grünen Golf von Tonkin (Südchinesisches Meer) ragen, viele kleine verlassene Strände warten und kaum Touristen zu sehen sind. Wir erkundeten mit dem Kayak die Gegend und wurden dabei leider nicht nur Zeuge der Schönheit dieser Ecke Vietnams, sondern auch des Müllproblems. An den Stränden und im Wasser fand sich kiloweile Abfall, der vom Meer angespült wurde: Getränkeflaschen, Schuhe, Styropor, Plastikhocker, Verpackungsmaterial etc. Es war ein unglaublich trauriger Anblick, diese Masse an menschlichem Unrat an Land und im Wasser anzutreffen. Dass es in der Lan Ha-Bucht sauberer sein soll als in der Halong-Bucht, lässt einen nur erahnen, wie viel Müll in Letzterer schwimmen muss…

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Wie klein der Mensch doch ist…

Wir versuchten trotzdem, die Natur, die Sonne und den Ausflug zu geniessen und waren abends ziemlich erschöpft vom Paddeln – was uns aber nicht davon abhielt, zusammen mit der ganzen Truppe (12 Personen) essen zu gehen. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und liessen die Nacht in einem schrecklich touristischen Club ausklingen…
Zurück in Hanoi hiess es dann für unser Viererteam, getrennte Wege zu gehen. So wenig wir uns vor dem Ausflug gekannt hatten, so viel Spass hatten wir zusammen und versprachen Eli, ihn in Israel zu besuchen. Dari und ich wollten uns als Nächstes gemeinsam die Region um Ninh Binh anschauen, die ganz in der Nähe Hanois Naturfreunde anlockt. Wir hatten vor, einen Tag vor Ort zu übernachten, da aber Dari von einer unbestimmten Krankheit heimgesucht wurde, die sie ans Bett fesselte, verschoben wir die Abreise um einen Tag, so dass uns nur ein Tagesausflug blieb. Dieser sollte uns aber für immer in Erinnerung bleiben…

Mit dem Minivan, den wir im Hostel organisierten, ging es morgens los Richtung Ninh Binh. Uns wurde gesagt, dass wir in Tam Coc rausgelassen würden, wo wir eine Bootstour machen wollten. Der Fahrer des Minivans wollte uns jedoch lieber ins Jenseits bringen, so wie er raste… Wie durch ein Wunder überstanden wir die etwa dreistündige Fahrt und wurden Irgendwo im Nirgendwo zwischen Ninh Binh und Tam Coc gebeten, auszusteigen. Wir weigerten uns und erklärten, dass wir für die Fahrt nach Tam Coc bezahlt hatten. Ein Schweizer Paar, dem ebenfalls gesagt wurde, dass die Reise in Tam Coc endet, insistierte ebenso darauf, an das gewünschte Ziel gebracht zu werden. Der Guide weigerte sich jedoch, da die restlichen vier Passagiere eine Tour gebucht hatte, zu der sie nun gefahren werden wollten. Da wir kein Taxi für die Fahrt nach Tam Coc bezahlen wollten, blieben wir sitzen und begleiteten die anderen auf ihrer Tour, welche in einem riesigen buddhistischen Tempelkomplex begann. Während wir unser Reisegepäck im Minivan zurückliessen, da wir mit ebendiesem weiterfahren wollten, entfernte sich der Guide beim Rundgang im Tempel mit den anderen Touristen immer wieder von uns vier. Wir baten ihn, auf uns zu warten, worauf er kalt antwortete “I don’t wait for you”. Wir sahen uns die Sehenswürdigkeit an, obwohl dies eigentlich nicht unser Plan gewesen war und stellten am Ende der Tour erschrocken fest, dass der Guide mit den anderen Touristen bereits abgehauen war. Mit einem Elektromobil wurden wir vom Komplex zum Eingang chauffiert, wobei das Fahrzeug des Guide merkwürdigerweise viel schneller fuhr als unseres. Da schwante uns Böses und wir versuchten verzweifelt, dem Fahrer unseres Gefährts mitzuteilen, dass er Gas geben solle. Dies schien er – trotz Übersetzungshilfe – partout nicht verstehen zu wollen und schlich im Schritttempo dahin. Da unser Gepäck im Minivan war und es ganz danach aussah, dass der Guide mit den anderen das Weite suchen wollte, rannten wir die letzten Meter und sahen, dass sich unsere Befürchtungen bewahrheitet hatten: der Guide schloss gerade die Türen des Minivans, der Motor startete bereits und es sah definitiv nicht danach aus, dass er auf uns warten würde. Wir eilten in letzter Sekunde zum Minivan und rissen die Tür auf, um unser Gepäck herauszureissen, ehe sich die Diebe davonmachen konnten. Der Guide wurde daraufhin aggressiv, wir waren natürlich auch richtig wütend und so kam es zu einer sehr unschönen Szene, in der es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kam, Beschimpfungen fielen und ich richtiggehend Angst hatte, von dem wutentbrannten Guide verdroschen zu werden. Leute eilten herbei, versuchten zu übersetzen und schlichten. Wir wollten einfach nur noch weg von dem kriminellen Pack und waren froh, dass wir mit unserem Gepäck und ungeschoren davonkamen. Die Tourismusbehörde in Vietnam, die Beschwerden bzgl. Betrug entgegennimmt, wird auf jeden Fall von uns hören, soviel war klar! Ich hatte in meinem Leben bisher kaum Angst davor, verprügelt zu werden. In dem Moment, als der Guide mit einem aggressiven, unglaublich bedrohlichen Blick auf mich zukam und ich mich rückwärts zu retten versuchte, hatte ich definitiv so viel Schiss wie nie zuvor im Leben…

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In der Höhle des Löwen

Als wir uns dann mit einem Taxi auf den Weg nach Tam Coc machten und langsam beruhigten, freuten wir uns über die schöne Landschaft, auch wenn die Wolken tief hingen und das Wetter eher trüb war. Das Schweizer Paar legte sein Gepäck im Guesthouse ab und danach machten wir zu viert eine Bootstour durch das Grün. Je zu zweit sassen wir auf einem Holzboot, das von einer Frau gesteuert wurde. Sie hatte das Ruder jedoch nicht in der Hand, sondern in den Füssen! Zurückgelehnt bewegte sie mit ihren nackten Füssen die beiden Ruder und sorgte so problemlos für ein gemütliches Vorwärtskommen. Dabei gab es genügend Zeit um mit der Rudererin im Boot nebenan ein Schwätzchen zu halten. Dari und ich sowie das Paar bestaunten derweil die Karstberge, die grünen Reisfelder und die Höhlen, die wir durchschifften. Es war trotz touristischer eine angenehme Art des Herunterkommens und wir konnten nach dem Stress und Ärger die Naturschönheit Vietnams ein weiteres Mal geniessen. Als der letzte Bus zurück nach Hanoi fuhr, galt es, Abschied zu nehmen – jedoch nicht für immer, sondern nur, bis man sich in der Schweiz wiedersieht. Dari verbrachte noch ein paar Tage weiter südlich, während für mich das letzte Land meiner Reise rief.

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Die Steuerfrau, ihre Füsse und ich

Es ist schön, auswärts eine ferne Bekannte besser kennenzulernen, gemeinsam Erinnerungen zu schreiben und zu wissen, dass dies der Anfang einer neuen Freundschaft sein dürfte. Dem Himmel sei Dank für diese rettende Hand, die absolut zur richtigen Zeit gekommen ist!

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Danke für den Spass

Angst, Tränen und Erschöpfung

Ich sass bzw. lag also das erste Mal, seit ich in Südostasien unterwegs bin, in einem Nachtbus, der mich innert ca. 12 Stunden von Sihanoukville nach Siem Reap bringen sollte. Zugegeben, ich war schon etwas nervös, nachdem ich vielfach gelesen und gehört hatte, wie gefährlich das Reisen mit diesen Verkehrsmitteln ist. Es kommt immer wieder zu Unfällen, da die Fahrer pausenlos durchzufahren versuchen und dabei oft einschlafen. Nun, wenigstens habe ich in Bussen meist einen guten Schlaf. Ich machte es mir in dem oberen Bett so bequem wie möglich und machte dabei etwas, was ich sonst nie mache: ich schlief mit Musik in den Ohren ein, d.h. mein iPod lag nicht verstaut im Rucksack, sondern in meinem Bett. Nach nur 10 Stunden erreichten wir unser Ziel und ich bemerkte bald, dass die Kopfhörer nur noch in meinen Ohren, aber nicht mehr im iPod eingestöpselt waren. Er musste runtergefallen sein. Ich wollte bei der Person nachfragen, die im unteren Bett lag. Als ich sah, dass diese schon weg war, schwante mir Böses… ich suchte den Schlafplatz ab, die anliegenden Betten und kam dabei nicht mehr zu meinem iPod, dafür zur Erkenntnis, dass mir soeben das erste Mal etwas gestohlen worden war. Ich wollte es nicht glauben und verurteilte mich selber dafür, dass ich den iPod vor dem Einschlafen nicht wie sonst immer versorgt hatte. Ein gefundenes Fressen für den Dieb unter mir. Enttäuscht und traurig trat ich den Weg zu meinem Hostel an. Es ging mir beim Verlust nicht so sehr um den iPod selber, den kann ich ersetzen, aber die Musik, die darauf war (80GB Speicherplatz), hatte ich zu einem grossen Teil von Freunden erhalten und somit nicht zu Hause auf dem Laptop gesichert. Und fast am Schlimmsten war, dass ich nun noch weitere zwei Monate ohne Musik weiterreisen musste! Wer mich kennt, weiss, dass ich viel Musik höre und auf Reisen ist mir der iPod fast genau so wichtig wie mein Reisepass – ohne ihn komme ich nicht durch…

Nun, das Leben ging weiter, wenn auch dieser Aufmunterungsgedanke auf taube Ohren stiess (…). Im Hostel traf ich dann Jenna an, die die Reise nach Siem Reap in einem anderen Nachtbus ebenfalls überlebt hatte. Sie hatte zwar ein anderes Hostel gebucht, ist aber von dort schnell wieder verschwunden, als sich in ihrem Dorm jemand die Spritze gab. Zum Glück war meine Unterkunft schön, sauber und spritzenfrei. Darüber war ich v.a. froh, da mich das Unglück weiter verfolgen und ich einige Stunden darin verbringen sollte…

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Sonnenaufgang mit verstecktem Angkor Wat (nicht im Bild)

Mit Jenna zusammen wollte ich mir am nächsten Morgen früh den Sonnenaufgang in der grössten Tempelanlage der Welt, in Angkor Wat ansehen. Der Wecker riss uns Verrückten um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf. Ich fühlte mich schon da nicht so gut, schob dieses ungute Gefühl aber auf die unmenschliche Stunde, die wir zum Aufstehen ausgewählt hatten. Im eigenen TukTuk fuhren wir durch die dunkle Stadt, wo schon viele andere müde Gestalten unterwegs waren. Am Schalter kaufte ich dann als eine der ersten ein 3-Tagesticket, da ich gehört hatte, dass die Tempelanlage riesig sei und man für den Besuch genügend Zeit einplanen sollte. Weil wir den Aufgang der Sonne nicht inmitten der grossen Touristenmasse mitverfolgen wollten, fragten wir unseren TukTuk-Fahrer, welches schöne, ruhige Plätzchen er uns empfehlen könne. So sassen wir dann wenig später auf einem Tempel, der wiederum auf einem Hügel thronte. Wir sahen über die Baumkronen und nur einen kleinen Teil von Angkor Wat. Zudem war es etwas bewölkt und das Tagesanbruch-Spektakel blieb eher wenig spektakulär. Wir suchten danach bei einem Kaffee und Tee Stärkung, wobei ich ebendiese nicht fand, sondern im Gegenteil schwächer wurde. Es ging mir nach wie vor nicht gut, ich fühlte mich schlapp, hatte Gliederschmerzen und – Jenna bestätigte mir – Körpertemperatur. So beschloss ich schweren Herzens, die Mission abzubrechen und zurück ins Hostel zu fahren. In dieser Verfassung würde ich nicht weit kommen, zumal die vielen Stunden in der Tempelanlage bei höchsten Temperaturen und inmitten der Touristenmassen sehr anstrengend sind. Jenna machte derweil weiter mit dem Tempelrundgang bzw. fing überhaupt erst mal damit an. “Zum Glück” hatte ich einen 3-Tagespass gekauft, mit dem Wissen, dass ich in drei Tagen das Land verlassen musste…

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Fenster zum Angkor Wat

Nun, ich schlief erstmal eine ganze Weile und versuchte, viel Wasser zu trinken und mich nicht beunruhigen zu lassen. Es kam mir aber doch sehr komisch vor, dass ich Fieber hatte, da ich sehr selten krank bin und es viel braucht, bis ich mir selber Bettruhe verordne. Der naheliegendste und unangenehme Gedanke, der mich in dieser Angelegenheit unablässig heimsuchte war: Malaria! Dengue! Aaah! Eigentlich bin ich sonst nicht sonderlich hypochondrisch, in diesen Gefilden lag der Verdacht auf eine durch Mücken übertragene Krankheit jedoch nahe, zumal mich die Blutsauger aus unerfindlichen Gründen lieben und stechen, Anti Brumm hin oder her. Ich wollte zuerst mal eine Nacht darüber schlafen und bei ausbleibender Besserung am Tag darauf das Spital aufsuchen. Jedoch überkam mich plötzlich eine Angst, dass es am nächsten Tag bereits zu spät sein könnte, dass man bei diesen Tropenkrankheiten vielleicht besonders schnell reagieren muss und ich keine Zeit zu verlieren habe. Im Nachhinein hätte ich länger gewartet, doch da ich keine brauchbare Information dazu erhielt (weder von Dr. Google noch vom Hostelpersonal), kämpfte ich mich aus dem Bett und machte mich auf den Weg ins Krankenhaus. Dabei wurde ich für meine Verhältnisse richtig paranoid, sah mich schon am Pfropf hängen, auf dem Sterbebett liegend, dem Tod ins Gesicht schauend… Ich fragte mich, ob meine Familie meine sterblichen Überreste wohl abholen müsste oder ob diese im Flugzeug in die Schweiz transportiert würden. Wie gesagt, die Angst hatte mich in meiner Verfassung fest im Griff. So vergoss ich auf dem gefühlt ewig langen Weg in die anscheinend beste Klinik der Stadt einige Tränen und fühlte mich so allein wie schon lange nicht mehr. Diese Momente der Angst, des Unwohlseins und des Wartens alleine zu verbringen, war etwas, das die Situation nur noch verschlimmerte. Da war niemand, der mich beruhigte, und selber “das kommt schon gut” zu denken war für mich genauso unmöglich wie abzuwarten, bis die Symptome verschwinden.

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Was für ein hübsches Kerlchen!

Erstmal musste ich im Krankenhaus die bürokratischen Hürden nehmen und mich bei meiner Krankenkasse erkundigen, ob sie die Kosten übernehmen würden. Ich hatte in meinem Reiseführer gelesen, dass die Klinik die beste und teuerste der Stadt sei, dass man aber so tief in die Taschen greifen muss, hätte ich nie und nimmer erwartet. Allein für den Besuch beim Arzt blättert man USD 100 hin, für eine Untersuchung des Bluts sind weitere USD 100 fällig und die Medikamente und was weiss ich noch, kosten nochmals USD 100, so dass ich schlussendlich USD 363 bezahlte, ohne zu wissen, ob der Spass auch übernommen wird (die Krankenkasse “schaut sich jeden Fall individuell an”). Zuerst wurde ich körperlich untersucht und ausgefragt und als ich so die Symptome beschrieb, die mich erst seit dem Morgen plagten, fühlte ich mich als Paradebeispiel eines Hypochonders. Dennoch wollte ich einen Bluttest machen lassen, um Klarheit zu haben, ob das Fieber auf Malaria oder Dengue (oder eine andere Tropenkrankheit) zurückzuführen war. Als die Krankenschwester auf meinem Handrücken (!) nach einer Vene suchte und weder links noch rechts eine passende fand, fragte ich mich, ob es nicht gefährlicher war, mich im Spital eines solch armen Landes untersuchen zu lassen, als Malaria zu haben. “Nun, wenigstens geht es mir besser als der da”, dachte ich mir, als ich die tote Kakerlake am Boden neben meiner Liege auf dem Rücken liegen sah. Irgendwie fand die Krankenschwester dann doch den Zugang zu meinem Blut und zapfte mir etwas davon ab. Danach lag ich eine Stunde lang nur im Beisein des toten Insektes auf der Liege und fürchtete mich vor dem Resultat. Der Arzt leierte schliesslich alles Mögliche von der Liste der Befunde herunter, wobei ich als Nicht-Medizinerin das Meiste nicht verstand (zynische Stimmen könnten jetzt fragen, wie viel der Arzt selber von den Befunden nachvollziehen konnte…). Blutarmut und Eisenmangel war mir nichts Neues, eine erhöhte Anzahl an weissen Blutkörperchen wies auf nichts Gutes hin… Als er nach einer gefühlten Ewigkeit bei den Punkten Malaria und Dengue ankam und beides als “negativ” kommentierte, fiel mir ein grosser Stein vom Herzen, der die Kakerlake in jedem Fall (!) getötet hätte, wäre sie nicht schon hinüber gewesen. Es handete sich somit um ein “normales” Bakterium, das mich heimgesucht hatte. Der Arzt gab mir u.a. ein Antibiotika mit und wollte mich zwei Tage später wieder sehen. Ich ging erleichtert zurück ins Hostel und googelte die Medikamente, um eine Ahnung davon zu haben, was mir da untergejubelt worden war. Nachdem ich von zwei britischen Touristinnen gelesen hatte, die nach der Einnahme von billigen Medikamenten im selben Land, in dem ich mich befand, gestorben waren, wollte ich mich absichern. Nun, zum Glück waren meine Medis nicht billig gewesen, da konnte mir ja nichts passieren!
So überraschend wie das Fieber, die Glieder- und Kopfschmerzen gekommen waren, so abrupt war am nächsten Tag alles wieder verschwunden. Ich fragte mich, was für eine Turbogrippe ich erwischt hatte und erhielt von Luis, dem Spanier, den ich auf Koh Ta Kiev kennengelernt hatte und den ich an dem Abend wieder traf, einen guten Hinweis: die kleine, offene Wunde, die ich mir just über dem Fussgelenk zugezogen hatte, konnte durch den ständigen Kontakt mit dem Meerwasser nicht heilen und hatte den Weg in die Blutbahn für Bakterien freigemacht. Ich wusste, dass man durch offene Wunden bei falscher oder fehlender Pflege ernsthaft krank werden kann, dass der Körper mit Fieber darauf reagiert, war mir jedoch nicht bewusst. Da ich zufälligerweise ein Buch las, in dem die behandelnde Ärztin beim Patienten, der ein offenes Bein hat, aufgrund von Bakterienbefall von einer drohenden Blutvergiftung spricht, wurde meine Hypochondrie schön weiter gefüttert. Ich desinfizierte die wirklich kleine Wunde regelmässig, bedeckte sie mit einem Verband und nahm brav die Antibiotika. Und ich überlebte! 🙂

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Ich schaffte es dann doch noch zum Angkor Wat – im Regen

Zum Glück hatte ich also noch zwei Tage, um den Tempeln rund um Angkor Wat eine zweite Chance zu geben. Ich machte mich zwar noch etwas geschwächt aber ohne Unwohlsein allein auf, ein paar Tempel anzusehen. Zu meinem Glück regnete es kurz, als ich beim Angkor Wat selber war (dies ist nämlich nur einer von vielen Tempeln). So hatte es nicht allzu viele Touristen und es gab Platz für all die Eindrücke, die die Anlage machte. So ein wahnsinniges Bauwerk aus nächster Nähe zu sehen, ist unglaublich und ich genoss den Rundgang im Angkor Wat und den anderen Tempeln, die ich besuchte, in Ruhe. Diese wurde ein paar Mal von respektlosen Chinesen gestört, die einander zuriefen, lautstark telefonierten, auf den Boden spuckten, vordrängelten und auf andere Weisen negativ auf sich aufmerksam machten. Störensfriede Nr. 1, die Vertreter dieses Volkes! Zum Glück ist die Tempelanlage so gross, dass sich die Besuchermasse wenigstens etwas verteilt. Ich hatte einen eigenen TukTuk-Fahrer organisiert, der mich vom einen zum nächsten Tempel fuhr und auch ein bisschen was darüber zu erzählen wusste. Abgesehen von den Chinesen im Schlepptau war ich alleine unterwegs und freute mich, als Luis sich abends meldete und wir beim gemeinsamen Abendessen mit Jenna ausmachten, den folgenden Tag den Tempeln zu zweit einen Besuch abzustatten. Denn das ist etwas, was ich am Alleinreisen oft vermisse: das Teilen von Eindrücken, das gemeinsame Erleben. Man kann anderen Menschen, die nicht dabei waren, von schönen Erlebnissen erzählen, aber mit jemandem darüber zu reden, der dabei war, ist einfach etwas anderes und für mich sehr wichtig: so ist nicht nur geteiltes Leid halbes Leid (weswegen ich euch wahrscheinlich meine “Leidensgeschichten” so genau unter die Nase reibe), sondern geteiltes Glück auch doppeltes Glück – oder wie es poetisch so schön heisst: “Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt”. Klingt klischeehaft, kann ich aber gerade beim Reisen absolut unterschreiben. Wie traurig es ist, sich alleine über etwas zu freuen! So war ich dann richtig froh, als ich am nächsten Tag mit Luis einige andere Tempel besuchte. Während ich möchtegernprofessionell immer nur ein paar ausgewählte Bilder der Tempel machte, füllte Luis seinen ganzen Handy-Speicherplatz mit Fotos. Da war Geduld gefragt! Ich genoss es auch mal wieder, den ganzen Tag Spanisch zu sprechen und so meine geliebte Sprache etwas zu praktizieren. Auch am zweiten Tag gab es eindrückliche Bauten, die wir uns genauer anschauten und eine schöne Übernahme der Natur, die mit ihren Wurzeln im Ta Prohm ihren Platz über die Tempel hinweg zurückeroberte. Der Sonnenuntergang war leider auch nicht so besonders, da die Wolken die rote Kugel auf ihrem Weg zum Horizont verschluckten. Es war dennoch ein schöner Tag und ich war froh, dass ich Siem Reap lebend verlassen und die Tempelanlage trotz einem Tag Abzug recht ausführlich begutachten konnte.

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Die Natur schlägt zurück

Nachdem der erste Versuch geglückt war, wagte ich es ein zweites Mal und bestieg den Nachtbus nach Vietnam. Von Siem Reap aus ging es liegend innert etwa 7 Stunden nach Phnom Penh und nach knapp zweistündiger Wartezeit am Morgen früh weiter sitzend im “normalen” Bus über die Grenze nach Ho Chi Minh City. Dort kam ich zerknittert und erschöpft an,  war aber sofort von der riesigen Stadt fasziniert. Der Weg zum Hostel führte mich durch enge Gässchen, vorbei an offenen Hauseingängen, an Essensdüften, die in der Luft lagen und an Menschen, die mir freundlich zulächelten. Auf den Strassen tummelten sich nebst einigen Autos unzählige Scooter, die das Überqueren jedes Mal zu einem Hindernisparcour machten, da statt Verkehrsregeln das Gesetz des Stärkeren gilt und Bremsen oder Anhalten was für Anfänger zu sein scheint… Ich fühlte mich trotz des Chaos’ sofort wohl und hätte mich am liebsten gleich auf Entdeckungstour durch die Strassen und Gassen gemacht. Jedoch war ich von der Reise, der Krankheit und den Antibiotika noch angeschlagen und musste mich erstmal etwas erholen. Dies spürte ich am Tag darauf deutlich am eigenen Leib: ich fühlte mich beim Frühstück plötzlich richtig schwach, unglaublich müde und mir war schlecht. So verbrachte ich den ersten Tag in HCMC im Bett, wie aufregend!

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Welches Café darf es denn sein?

Aber das musste ich nun mal akzeptieren, dass es beim Reisen auch Zeiten gibt, in denen man sich zurücknehmen und eine ruhige Kugel schieben muss. Denn Reisen ist nicht dasselbe wie Ferien, das setzen viele fälschlicherweise gleich. Ich korrigiere deshalb hartnäckig alle, die mich fragen, ob ich noch immer in den Ferien sei oder wie lange mein Urlaub noch dauert. Für mich sind Ferien Erholung, egal ob am Strand oder in den Bergen, ob faulenzend oder aktiv, ob in der Schweiz oder in Afrika. Beim Reisen wandert man mit zu viel Gepäck durch die Welt, nicht wissend, wo man in einer Woche sein wird und was man eigentlich alles sehen und erleben will. Die Zeit ist von Spontaneität gezeichnet, man kann alles tun – oder eben auch gar nichts machen. Nette Leute getroffen? Dann geht es zusammen los, vielleicht in eine ganz andere Richtung, die man gar nicht im Kopf hatte. Man verbringt eine tolle Zeit mit ehemals Fremden und geht oftmals als Freunde auseinander. Was vor allem als Mensch, der Abschiede hasst und oft Gedanken hat wie “och…schon vorbei!”, sehr schwierig ist. Immer wieder neue Bekanntschaften zu schliessen, mit dem Wissen, dass man in absehbarer Zeit wieder getrennte Wege gehen wird, kann emotional sehr anstrengend sein – in ebensolchen Momenten sehne ich mich jeweils nach Stabilität und Konstanz. Die ungeliebte Routine des Alltags fehlt während des Reisens – zumindest nach einer Weile und manchmal – tatsächlich, da die beständige Ungewissheit und fehlende Pläne zu Unsicherheit und Zweifeln führen kann. “Was mache ich hier eigentlich? Wohin geht es überhaupt? Und sollte ich nicht besser ganz woanders sein?” Ja, das Reisen ist gewissermassen eine schöne Analogie zum Leben. Es ist eben “leben intensiv”, fernab von Alltag und Routine, was sehr anstrengend sein kann…

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Doch, es gibt auch ruhige, entspannte Ecken in Ho Chi Minh City

So fühlte ich mich nach vier Monaten schon ziemlich erschöpft und ausgelaugt und mochte nicht mehr überall jeder Sehenswürdigkeit nachspringen. Dennoch besuchte ich in Saigon, wie Ho Chi Minh City früher hiess, das Kriegsmuseum. Es war wahnsinnig beeindruckend und beklemmend, zu sehen, welche Geschichten vom Vietnamkrieg während der 50er bis 70er Jahre geschrieben wurden. Der Krieg folgte auf den Indochina-Krieg, nach der Teilung Nord- und Südvietnams, wobei die beiden Landesteile von verschiedenen Ländern unterstützt wurden (USA, Russland, China u.a.). Erstmals vom Vietnamkrieg hatte ich als Teenager dank “Forrest Gump” gehört. Von daher wusste ich, dass es ein wahnsinnig brutaler Krieg war und mit den schlimmsten (Chemie-)Waffen gekämpft wurde. Das Bild des Mädchens, das nackt und weinend aus einer Napalm-Wolke rennt, ist wohl allen ein Begriff. Im Museum wurden viele weitere Schicksale erzählt: von verstümmelten Kriegsopfern oder Kindern, die verunstaltet zur Welt gekommen sind, da ihre Mütter nach dem Krieg verunreinigtes Wasser getrunken hatten (Agent Orange). Die Bilder all der unschuldigen Menschen zu sehen brach mir schon das Herz. Als ich dann in einem Raum Betroffene sah, die verkrüppelt da sassen und Sachen bastelten, die sie verkaufen wollten, überkam mich eine Welle der Traurigkeit und Wut. Ein blinder Mann, der nie die Chance hatte, die Welt zu sehen, spielte auf einem Keyboard kitschige Lieder und mir wurde einmal mehr bewusst, was für ein unglaubliches Glück ich hatte, in einem friedlichen und sicheren Land geboren worden zu sein und dazu die Möglichkeit habe, die Welt mit eigenen Augen zu entdecken. Reisen macht mich wahnsinnig demütig und zeigt mir auf, was ich alles habe, was ich nie erleben musste und was für eine Fülle an Möglichkeiten mir das Leben bietet.

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Leichtes Engegefühl beim Einstieg in die Cu Chi Tunnel

Einen weiteren Einblick in den Krieg erhielt ich beim Besuch der Cu Chi Tunnel. Dies ist ein riesiges Netzwerk an unterirdischen Gängen und Höhlen, in denen sich die Vietnamesen vor den US-Amerikanen versteckt hatten und wo sie ihre Angriffe auf den Feind planten. Es war ein wahnsinnig ausgeklügeltes System und die engen Gänge, durch die man gehen konnte, erzeugten nicht nur klaustrophobische Gedanken, sondern zeigten auch auf, wie systematisch und clever die Vietnamesen im Kampf vorgingen. Wahnsinnig spannend, aber auch unfassbar, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind…

Abseits der Kriegsgeschichte befasste ich mich während meiner ersten Tage in Vietnam auch mit kulinarischen Besonderheiten: so löffelte ich günstige und leckere Nudelsuppen (Pho Bo, Bun Cha u.a.), probierte Egg Coffee (bzw. konzentrierte mich auf den schaumigen oberen Teil) und verdrückte vietnamesische Sandwiches (Banh Mi). Wie überall sonst in Südostasien gab es frische Fruchtsäfte und unglaublich günstiges Bier. Vietnam – eine kulinarische Freude! Ich wurde sogar dazu verleitet, Meeresfrüchte zu essen, obwohl ich sonst gar kein Fan davon bin…

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Schwan und Shrimp

Nachdem ich ein paar Nächte im Trubel von HCMC verbracht hatte, entschied ich mich, etwas Ruhe und Natur aufzuspüren. So flog ich (aus Zeitgründen nahm ich nicht den umweltfreundlicheren Weg) auf die Insel Phu Quoc, die fast 400km westlich von HCMC liegt und mit wunderschönen Stränden lockt. Leider folgten v.a. viele Russen dem Lockruf, was den Charme der Insel etwas beeinträchtigte. Die Stadt war voller Restaurants und Bars, in Neonschriftzügen z.T. auf Russisch angeschrieben und an den Stränden herrschte nebst der bekannten Abfallproblematik teilweise fast Platzmangel. Ich fand zum Glück immer noch ein Plätzchen abseits der Masse und genoss das Meer so gut es ging – irgendwie war aber der Wurm drin und ich konnte trotz der Schönheit der Natur nicht alles so geniessen, wie ich wollte oder sollte. Körperliche und psychische Erschöpfung, Einsamkeit und eine Übersättigung an Reizen/ Eindrücken schienen mich überwältigt zu haben. Nun denn, so wie das Leben nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen sein kann, ist auch das Reisen nicht nur von Hochs geprägt, sondern führt auch mal durch ein Tief. Da muss man eben durch…

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Eigentlich ganz schön, oder?

Ich hatte eine hübsche Unterkunft abseits des Trubels gefunden, wo mich die wahnsinnig nette Inhaberin begrüsste und gleich bei meiner Ankunft zum Mittagessen einlud. Da ihr Cousin zu Besuch war, hatte sie gekocht und lud die anderen zwei Gäste und mich zum Festschmaus ein. Wie es in Südostasien üblich ist, sitzt man am Tisch jeweils vor verschiedenen Gerichten, von denen man sich etwas in seine Schale nimmt und stets zusammen mit Reis verspeist. So ist das Essen immer auch eine gemütliche Zusammenkunft, wo geteilt und ausgetauscht wird, ähnlich dem Fondue-Essen in der Schweiz.

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Ohne Filter, ohne Worte

 

Nachdem ich auf Phu Quoc in herrlich klarem Wasser geschwommen war, atemberaubende Sonnenuntergänge gesehen und die Bekanntschaft von zwei knuffigen jungen Hunden gemacht hatte, war es Zeit, weiterzureisen. Vietnam ist ein grosses Land und ich wollte in meinen 30 Tagen hier möglichst viel davon sehen. So flog und fuhr ich über HCMC in den Südosten des Landes, nach Mui Ne. Die Fahrt dauerte etwa fünf Stunden, wobei ich nachts in meinem Hostel ankam. Nach wenigen Stunden Schlaf hielt mich wieder einmal ein altbekannter Juckreiz vom Durchschlafen ab – ich wechselte also wegen diesen verfluchten Bettwanzen mitten in der Nacht das Bett bzw. gleich den Dorm. Wahrscheinlich werde ich bei meinem Glück noch im Grab von den elenden Viechern geplagt…

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Dünen in Mui Ne

 

Mui Ne liegt zwar am Meer, hat aber keine besonders schöne Strände zu bieten. Sehenswert sind weisse und rote Sanddünen, die ich mir auf einer Tour anschaute. Dafür musste ich um 4 Uhr morgens aufstehen und unsere Gruppe von zehn Leuten wurde in einen Jeep mit Platz für sieben Personen gequetscht. Bequem ist anders… Auf den Dünen sahen wir den Sonnenaufgang, wobei die schöne Stimmung von der Horde an Touristen mit Selfiesticks und den dröhnenden Quad-Bikes gestört wurde. Weiter ging die Tour zu einem Fischerdorf, wo sich auf dem Meer zig Schiffe und kleine Boote tummelten, welche einen richtig malerischen Anblick boten.

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Fische (nicht im Bild) und Schiffe (überall im Bild)

Zum Abschluss konnten wir noch in einem kleinen Bächlein spazieren gehen, auf dessen Seite eine imposante Felswand prangte und das von Palmen gesäumt war. Ein hübscher Ort der gut und gerne fotografiert werden kann, mich jetzt aber nicht aus den Socken gerissen hat. Wahrscheinlich werden die Ansprüche bei längerem Reisen einfach auch höher, so dass etwas schon sehr spektakulär sein muss, dass es einen staunen lässt. Zum Glück folgten noch solche Orte, genauso wie auch Mitreisende auftauchten, die mich (aus meiner Lethargie) mitrissen. Gute Zeiten in Sicht!

 

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Ein Spaziergang im Gelben und Grünen

Von der Hölle und dem Paradies

In Pnohm Penh, der Hauptstadt Kambodschas, lernte ich dank meiner Hangout-App den Kambodschaner Bobo kennen, der in Wahrheit anders heisst, sich aber der Einfachheit halber diesen Spitznamen gegeben hat. Da er eine Zeit lang in Kanada gearbeitet hat, sprach er sehr gut Englisch. Er hatte viele Fragen und wusste viel zu erzählen. Ein sympathischer, netter Mensch. Dennoch war ich anfangs etwas unsicher, als er meinte, wir könnten in eine lokale Bar fahren, um dort etwas zu trinken. Mein Cousin, der vor zwei Jahren ebenfalls in Südostasien unterwegs war, hatte mich mit seinen Schauermärchen nämlich etwas eingeschüchtert. So würden unter Backpackern Geschichten erzählt, dass Einheimische einen zum Trinken und Quatschen zu sich nach Hause einladen (“Ach, du bist aus der Schweiz? Na sowas, ich kenne auch jemanden aus der Schweiz! Lass uns doch zusammen etwas trinken und plaudern!”). Dank k.o.-Tropfen, die einem dann ins Getränk gemischt werden, wacht man morgens ohne Geld und Habseligkeiten vor einem Casino auf. So versuchte ich mir einzuprägen, wo wir mit dem Scooter hinfuhren, wobei ich schon nach den ersten paar Abzweigungen die Orientierung verloren hatte. In der normalen Bar abseits der Touristenströme war ich die einzige Nicht-Kambodschanerin und liess mein Bierglas nicht aus den Augen. Ich wartete auf den Moment, in dem der Angreifer zuschlagen würde – doch es passierte nichts. Wir hatten ein nettes Gespräch und Bobo fuhr mich bis zu meinem Hostel zurück. Da bin ich dem Unglück mal wieder knapp entkommen!
Im Hostel tat ich mich mit zwei meiner Zimmergenossinnen zusammen, um S-21 / Tuol Sleng zu besuchen. Dies ist ein ehemaliges Gefängnis und heute Museum, in der zur Zeit der roten Khmer bis zu 20’000 Menschen gefangen gehalten und auf brutalste Weise gefoltert wurden. Die kommunistischen roten Khmer hatten anfangs der 70er Jahre in Kambodscha unter dem Anführer Pol Pot die Macht übernommen und führten jahrelang einen Genozid durch. Systematisch wurden alle Intellektuellen umgebracht, um aus dem Land einen Bauernstaat zu machen, ohne Bildung und ohne Klassen. Es reichte dabei, wenn man eine Fremdsprache beherrschte oder eine Brille trug. Die Menschen wurden, als es in den Gefängnissen keinen Platz mehr hatte, auf die sogenannten Killing Fields gebracht, wo sie auf grausamste Art und Weise umgebracht wurden. Kinder tötete man, indem man sie barbarisch gegen einen Baum schlug. Eine unerträgliche Vorstellung. Erschossen wurde kaum jemand, man wollte Munition sparen und durch den Lärm der Pistolen keine Aufmerksamkeit erregen. Denn lange wusste das Volk nicht, was mit all den Menschen geschah, die weggesperrt wurden. Auch der Westen hatte keine Ahnung bzw. schaute nicht genauer hin. Viele Menschen starben zudem aufgrund der miserablen Lebensbedingungen in den Arbeitslagern auf dem Land und in den Gefängnissen. Insgesamt wurden etwa 2 Millionen Menschen ermordet, etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Während der Zeit, in der Pol Pot an der Macht war, starben täglich 1’400 Menschen. Diese Zahlen sind schlichtweg unfassbar. Und dass ich (in der Schule) nie etwas davon gehört hatte, finde ich sehr tragisch.
Im ehemaligen Gefängnis wurde man per Audioguide durch die Räume geführt und konnte sich die Zellen und Fotos der Täter und Opfer ansehen. Dazu wurde erklärt, wie der Alltag der Insassen aussah. Es war sehr schwierig genau hinzusehen und in all die geschockten Gesichter der Opfer zu schauen. Nur etwa 7-12 Menschen haben den Albtraum des S-21 überlebt (ich weiss nicht, welche Angabe stimmt). Mir kamen schon beim Besuch der Folterkammern und der Zeitzeugnisse in Form von Papier und Fotos die Tränen, doch als da dieser alte Mann am Büchertisch sass und ich erst nach Längerem realisierte, dass dies einer der Überlebenden ist, war ich völlig verstört. Da sass jemand, der eine solch furchtbare Vergangenheit hinter sich hat und so lange mit all diesen schrecklichen Bildern leben musste und muss. Wie kann ein Mensch das ertragen? Ich war zutiefst berührt und fassunglos.
Auf dem besuchten Killing Field wurde man ebenfalls von einem Audioguide herumgeführt, vorbei an grossen Gruben im Boden, die von den Gräbern stammen; an Hügeln, die von den entweichenden Gasen der Leichen entstanden sind; über Knochenteile und Kleiderfetzen der Opfer, die nach wie vor vom Regen aus der Erde getragen werden. Besonders schockierend war der Anblick des Baumes, an dem die Kinder ermordet wurden und die unzähligen Schädel, die in einer meterhohen Vitrine gestapelt wurden. Ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Schlimmes gesehen und erfahren, wie im S-21 und auf dem Killing Field in Phnom Penh. Und dennoch war es wichtig für mich, mehr darüber zu wissen und die Geschichte Kambodschas zu verstehen. Es tut mir im Herzen weh, in die Gesichter der Menschen dieses Landes zu schauen und mir vorzustellen, welch tragische Geschichten in den Familien geschrieben worden sind – von den roten Khmer. So hat auch Reaksa, Bee Bee’s Mutter (aus dem Guesthouse in Banlung) mit Tränen in den Augen von den 12 Kindern erzählt, die ihre Grossmutter hatte – und von denen nur zwei überlebt hatten. Die Geschichte ist noch so nah und für viele Kambodschaner allgegenwärtig – und dennoch geht es weiter, die Menschen sehen nach vorne, einer hoffentlich besseren Zukunft entgegen. Ich wünsche es ihnen von Herzen!

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Sonnenuntergang über Phnom Penh

Mit Mona aus meinem Dorm erkundete ich nebst den geschichtsträchtigen Orten der Stadt bei einer Bootstour den Sonnenuntergang über dem Mekong und führte mit ihr zusammen Bobo in die Welt der Spiele ein, was sehr amüsant war. Einem Erwachsenen, der zuvor noch nie ein Gesellschaftsspiel gespielt hatte, zuzusehen, wie er lernt und wie ein kleines Kind Freude daran hat, ist unbezahlbar!
Nach ein paar Tagen in der turbulenten, nicht wunderschönen aber doch charmanten Hauptstadt ging es für mich weiter an die Südküste, nach Kep. Es war das erste Mal seit dem Besuch der malaiischen Insel anfangs Februar, dass ich wieder Meeresluft schnuppern konnte, hach! Ich kam nach etwa vier Stunden Fahrt im kleinen, beschaulichen Kep an und begab mich in ein Guesthouse mit netten französischen Inhabern. Es war sehr simpel, schlicht und dennoch – oder eben gerade deswegen – angenehm. Mal wieder packte ich mein verstaubtes Französisch aus, da die Inhaber ihre eigene Sprache vor dem Englisch bevorzugten. Mais ça a marché! Ich ging mit Mona, die es ebenfalls nach Kep verschlagen hatte, dahin, wo der Pfeffer wächst. Die Region um Kep ist nämlich bekannt für ihren guten Pfeffer, der relativ teuer verkauft wird. Grund dafür ist u.a., dass der Anbau rein biologisch ist und die Verarbeitung von Hand abläuft. Auf der Farm wurden wir in die Herstellung des Pfeffers eingeführt. Mona war die erste weibliche Scooterfahrerin, bei der ich hinten aufstieg. Ich fühlte mich aber nicht etwa unsicher, denn sie fuhr sehr angenehm. Selbst als wir einen wahnsinnig steilen Hang auf einem furchtbaren Strassenzustand hinaufächzten, vertraute ich ihr. Oben im dichten Wald sahen wir uns die Sonne an, die sich ins saubere Meer ergoss.

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Bestaunen des Sonnenuntergangs in Kep

Das Meer “betrat” ich erst am Tag darauf, bei einem Ausflug auf die Rabbit Island. Mona war schon weitergereist, weshalb ich mich nach neuer Gesellschaft umsehen musste. Mit Claire, einer Französin, die im gleichen Guesthouse wie ich untergebracht war, verbrachte ich den Tag auf der ruhigen, kleinen Insel, die etwa eine halbe Stunde Bootsfahrt von Kep entfernt liegt. Das Wasser war richtig warm und klar, die Sonne gleissend (Sonnenbrand im Schatten!) und die Stimmung gemütlich. Es hatte zum Glück nicht viele Touristen unterwegs und diejenigen, die da waren, verteilten sich gut am langen Strand. Wir fläzten uns im Liegestuhl, lasen, assen überraschend gut zu Mittag und unterhielten uns über das Reiseleben. Als wir um 16 Uhr wieder zurück auf’s Festland gebracht wurden, sollte uns ein Van zurück ins Guesthouse bringen. Jedoch kam dieser erst etwa nach einer Viertelstunde Wartens an, also um ca. 16:45 Uhr. Ich wurde nervös, da mein gebuchter Bus in den nächsten Ort um 17 Uhr fuhr. So bat ich den Fahrer, mich vor den anderen Gästen rauszulassen, damit ich den Bus noch erwischen konnte. Der Fahrer reagierte nicht – und fuhr in die entgegengesetzte Richtung meines Guesthouses. Ich erklärte ihm gestresst nochmals die Situation und bat ihn, umzukehren. Eine junge Frau sprach sogar etwas Khmer und klärte ihn über meine Situation auf. Doch der Mann reagierte nicht. Als die ersten Leute ausstiegen, liess sich die Tür nicht mehr öffnen und der Mann rüttelte minutenlang daran, bis er sie soweit aufschieben konnte, dass man raus kam. Die Zeit verstrich. Gelassen fuhr er erstmal alle anderen zurück in deren Unterkunft, ehe er Claire und mich ganz am Schluss, natürlich nach 17 Uhr, zurückbrachte bzw. an der Strasse zu unserem Guesthouse vorbeifuhr. Ich rief aufgeregt, dass das der Weg sei und das Auto hielt. Der Mann machte ein Zeichen, dass ich besser laufen solle. So spurtete ich zurück zum Guesthouse, wo mein Gepäck auf mich wartete. Ich bezahlte die Unterkunft und das Essen und war erleichtert, als kurz darauf ein Van vor dem Guesthouse stand und hupte. Zum Glück hatte ich es doch noch geschafft! Als ich mich dem Auto näherte, traute ich meinen Augen kaum: es war der Typ, der mich eben zurück gefahren hatte, mit dem Auto, aus dem ich eben gestiegen war! Der Transfer und die bevorstehende Busfahrt wurden von derselben Gesellschaft organisiert…

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So ein Scooter bietet ganz schön viel Platz

 

Erleichtert nach der grossen Stress-Aktion kam ich dann also nach einer halben Stunde Fahrt doch noch im benachbarten Kampot an. Dort wurde der erste Tag des neuen Jahrs der Khmer gefeiert. Dies findet jeweils an drei bis vier Tagen im April statt. Ich besuchte allein und mit Celia, einer Französin die ich in Kep kennengelernt hatte, Feste, die von Expats organisiert wurden. Die Khmer dekorierten alles, was ihnen in den Weg kam, schlossen Geschäfte und Läden und feierten eher im Kreis der Familie mit Essen und Musik. An einem Abend begaben wir uns zu einer Bühne am Ufer des Flusses, wo eine traditionelle Band spielte, die Leute herumsassen und zuhörten. Es schien eine eher ruhige Sache zu sein, dieses neue Jahr der Khmer. Auf jeden Fall kriegte ich von den Festivitäten in den Häusern nichts mit und weiss daher auch nichts anderes zu berichten. Gegessen haben nicht nur die Khmer gut und viel, sondern auch ich. In Kampot gibt es unzählige hippe Restaurants und Cafés, die ein internationales Menü anbieten und so eine nette Abwechslung zum unaufgeregten (aber schmackhaften) Essen Kambodschas boten. Mit Celia im Gepäck fuhr ich über staubige, holprige Wege, vorbei an saftigen Reisfeldern und Palmen an einen kleinen See, wo wir uns abkühlen wollten. Jedoch fiel dieses Vorhaben etwas ins Wasser, da wir die einzigen Touristen waren und keine Kleider zum Baden dabei hatten. Alle Kambodschaner, die sich im Wasser tummelten, trugen Hosen und ein Oberteil. Daneben konnten wir natürlich nicht einfach im Bikini abtauchen. Ich behielt mein T-Shirt an und schwaderte ein bisschen im Nass, wobei dieses so warm war, dass es keine Abkühlung bot. Relativ schnell fuhren wir dann zurück und versuchten unser Glück im Fluss – doch auch dieser war zu warm, um uns zu erfrischen. Die Szenerie entschädigte uns jedoch, so dass wir den Abend am Fluss trotzdem geniessen konnten.

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Schöne Aussicht am Prek Thom River in Kampot

Am Tag darauf wollte ich auf den Bokor-Hügel fahren, der für seine verlassenen französischen Kolonialgebäude bekannt geworden war. Ein altes, grusliges Casino diente einst sogar als Kulisse für einen Film. Da der Hügel etwas über 1’000 M.ü.M. liegt, braucht man ein Auto oder einen Scooter, um hochzukommen. Man kann den Ausflug auch über eine Tour buchen, ich bevorzugte es aber, selber zu fahren. Da die Strecke lang und kurvenreich ist, wollten Celia und ihre Kollegin, die zu uns gestossen war, nicht mitkommen. Sie seien sich zu wenig sicher beim Rollerfahren. Ich selber hatte das Gefühl, in den 3,5 Monaten in Südostasien schon genug Erfahrung gesammelt zu haben und war genügend von meiner Fahrweise überzeugt, dass ich den Berg in Angriff nahm. Es war wirklich eine längere und sehr kurvenreiche Strecke. Viele Autos schlichen regelrecht im Schneckentempo hoch und forderten somit ungewollt meine Geduld heraus. Ich fühlte mich als Tom Lüthi und brauste die Strasse in sehr gutem Zustand hoch (ja liebe Eltern, natürlich mit Helm und grosser Vorsicht). Es machte richtig Spass, die Autos und langsamen Scooterfahrer zu überholen, Gas zu geben und in die Kurven zu liegen… nein, Letzteres machte ich nicht, da vertraue ich der Bodenhaftung noch zu wenig und eierte in möglichst aufrechtem Zustand um die Kurven. Ich verstand, was die Töfffahrer in der Schweiz daran finden, über Pässe zu brausen. Ich bin nun eine von euch, ihr Rocker! Doch nach etwa einer halben Stunde oben angekommen, kam dann die Enttäuschung: die meisten Gebäude waren renoviert worden und stellten keine wirkliche Attraktion mehr dar. Lediglich eine Kirche und ein kleines Haus versprühten noch die Atmosphäre vergangener Zeiten. Nun, ich hatte meinen Spass trotzdem, sowohl beim Hoch- als auch beim Runterfahren und strebe nun eine Karriere als Scooterprofifahrerin an.

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Celia und ich machten eine sehr nette Bekanntschaft

Nach vier Nächten in Kampot rief der Strand. Ich fuhr in einem Van in ca. drei Stunden nach Otres Beach, einem kleinen Ort, der zu Sihanoukville gehört. Dort blieb ich drei Nächte und genoss verschiedene Strände, das Meer und wieder einmal das süsse Nichtstun. Am Strandabschnitt, wo es keine Restaurants oder Hotels gab, hatte es leider sehr viel Abfall, sowohl im Sand, als auch im Wasser. Dort, wo man sich auf den Liegestuhl eines Restaurants legen konnte, kümmerte man sich um die Sauberkeit und sammelte den Plastik ein. Diese Erkenntnis machte mich sehr traurig: die Menschen könnten eigentlich für einen sauberen Strand sorgen, machen es aber im Prinzip nur für die Touristen. Wie schädlich all der Plastik für die Natur und die Meeresbewohner ist, scheinen sie nicht zu verstehen oder es scheint ihnen egal zu sein. Ich weiss, dass ich mich jetzt schon öfter über Umweltverschmutzung, Abfallsünder und dergleichen beschwert habe, aber anscheinend ist es etwas, das mir sehr wichtig ist. Davon zu hören und zu lesen ist eines, aber vor Ort zu sehen und zu erleben, wie die Menschen mit der einzigen Erde, die sie haben, umgehen, beunruhigt mich sehr. Am liebsten würde ich ein Projekt starten, um die Menschen in armen Ländern wie Kambodscha über Unweltverschmutzung aufzuklären, um eine Alternative bieten zu können und so eine Veränderung der Einstellung und des Verhaltens herbeizuführen. Nun, vorerst fange ich mal bei mir selber an und versuche, auf so viel Plastik wie möglich zu verzichten. Leider ist dies auf Reisen in solchen Ländern sehr schwierig, da man für jedes kleine Etwas, das man kauft, eine Plastiktüte erhält, die Getränke in vielen Restaurants in Einweg-Plastikbechern serviert werden und alles, was man kauft doppelt und dreifach in Plastik verschweisst ist…

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Saubere Sache am Sokha Beach

Item, ich genoss das Strandleben trotzdem, sehnte mich aber nach einer etwas ruhigeren, weniger überlaufenen Gegend. So hat Otres Beach schon irgendwie seinen Charme, jedoch tummelten sich selbst in der low season sehr viele Partytouristen in den Strassen und auch am Strand wimmelte es von Meereshungrigen Menschen (Einheimischen und Touristen).

Ich buchte also eine Nacht in einem Bungalow auf der kleinen Insel Koh Ta Kiev, die etwa eine Stunde mit dem Boot von Otres Beach entfernt liegt. Auf der ganzen Insel hat es etwa vier oder fünf Unterkünfte, die sich gut verteilen. An der Ecke, wo ich im Kactus untergebracht war, hatte man fast das Gefühl, alleine auf der Insel zu sein. Die Tagestouristen kamen auf der anderen Seite an und auch sonst störte niemand die Ruhe (die anderen Gäste waren angenehm ruhig). Es gab kein Internet und kein Fernsehen, auf dem Programm stand lediglich Lesen, Schwimmen, Essen, sich unterhalten und Schlafen. Das Meer war herrlich blau, klar und warm. Der feine Sand war leider beheimatet von Sandflöhen, so dass ich mich nicht traute, mich hinzulegen. Kokosöl sollte die Viecher vom Stechen abhalten, weshalb ich mir die Füsse damit einschmierte. Nun hatte ich sicherlich genügend Schichten auf meinem Körper: Sonnencrème, Kokosöl und Schweiss. Das geht auf keine Kuhhaut! Nun, zum Glück war es Kokosöl, das helfen sollte und nicht etwa Schneckenschleim oder Drachenblut. Im Gegensatz zu anderen auf der Insel kam ich auf jeden Fall ohne Stiche davon. Mit Marie aus Frankreich, Veronica aus Deutschland, Luis aus Spanien, Fiona aus den USA und Reema aus Australien verbrachte ich die meiste Zeit beim Essen, Kartenspielen und Bier trinken. Eine tolle Truppe, die ich da gefunden hatte! Auch die Freiwilligen, die im Guesthouse arbeiteten, waren nett und unterhaltsam. Das Essen, das zubereitet wurde, war fantastisch! Eine Mischung aus der Khmer und der westlichen Küche. Ich hätte nicht gedacht, dass man auf einer kleinen, abgelegenen Insel wie dieser so leckere Speisen zubereiten konnte.

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Mein gemütlicher Bungalow

Was mir ebenfalls sehr gut gefiel, war die Nacht im Bungalow. Es gab keine Elektrizität, nur Kerzen- oder Handylicht. Das Gehütt war halb offen, so dass man zu tierischen Klängen, unbekanntem Geraschel und dem Meeresrauschen einschlafen konnte. Eine wunderbare Gute-Nacht-Musik! Selbst das nächtliche Gewitter, das mich aus dem Schlaf holte, war ein Erlebnis. Im Bungalow zu sitzen, zu hoffen, dass ebendieser dicht ist und den nächtlichen Harndrang zu verfluchen – wann hatte ich das letzte Mal einen solchen Moment? Ich verlängerte von einer auf drei Nächte und wäre zu gerne noch länger geblieben, jedoch riefen noch andere Inseln, die besucht werden wollten. Also verabschiedete ich mich nach knapp vier wunderschönen Tagen von meinem kleinen Paradies und meinen neu gefundenen Freunden. Ich sagte nicht tschüss, sondern bis zum nächsten Mal…

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Alle stecken hinter den Büchern/Kindles auf Koh Ta Kiev

Nach meiner Ankunft in Otres Beach kaufte ich sogleich ein Ticket für die Überfahrt nach Koh Rong Samloem. Dort kam ich nach etwa einer Stunde an und suchte mein Hostel auf. Anscheinend kam ich gerade zur rechten Zeit, denn es wurde frisch gebackener Kuchen aufgetischt. Als ich das Schild vor dem Hostel sah “fresh cake” und den Hippe-Australier kennenlernte, der das Hostel führte, war ich etwas skeptisch. Er schien meine Gedanken gelesen zu haben, denn er meinte lächelnd, dass im Kuchen kein Gras sei. So griff ich zu und genoss den Mangocake, den hauptsächlich ein junger Schweizer, der ebenfalls dort war, gebacken hatte. Ich überlegte mir trotz der süssen Willkommensgeste noch, das Hostel zu wechseln, da Andrew, der Aussie, etwas merkwürdig war. Zum einen war er überaus freundlich und zuvorkommend, fast etwas zu nett. Und zum anderen grinste er ständig und erzählte pausenlos irgendetwas, wobei ich die Hälfte nicht verstand und einfach höflich zurücklächelte und nickte. Ich bin dann doch geblieben und hatte eine gute Zeit. Die anderen Gäste schienen etwas mehr auf dem Boden geblieben zu sein und boten eine nette Unterhaltung. Die Insel selber ist zwar relativ gross, jedoch leben nicht allzu viele Menschen auf Koh Rong Samloem. Im Gegensatz zur Nachbarinsel Koh Rong ist dieses Eiland ruhiger und weniger partyverrückt. Es gab einige Unterkünfte und Restaurants, vereinzelte Touranbieter und kleine Läden. Mehrheitlich ging es aber ruhig zu und her, die Touristen genossen vor allem das Strandleben. Ich hätte besser vor Koh Ta Kiev herkommen sollen, dachte ich mir. Denn obwohl es klein und unaufgeregt war, hatte ich nach der wirklich abgelegenen Inselerfahrung beinahe einen Kulturschock. Da gab es mehrere Restaurants, so viele Leute und sogar Wifi! Für andere wirkte es natürlich abgelegen und ruhig, für mich war es eine Nummer zu gross nach der Abgeschiedenheit im Paradies. Nun, ich genoss es natürlich trotzdem, denn die Strände waren wirklich fantastisch hier!

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Gar nicht so schlechte Aussichten…

Ich traf Celia wieder, die schon einige Tage auf Koh Rong Samloem verbracht hatte. Der Sand am Strand war fein und z.T. fast weiss, das Meer schimmerte in verschiedenen blau- und türkisfarben und war so klar und sauber wie Glas. Zudem heizte die Sonne auf Mitte 30 Grad auf und es war unfassbar schwül, was einen beim ersten Schritt den Schweiss in Bächen runterlaufen liess. Es war herrlich! Einmal marschierte ich etwa eine Stunde lang durch den Dschungel, um an einen abgelegenen Strand der Insel zu gelangen. Andere hatten im Wald Schlangen und andere Tiere gesehen, ich traf zum Glück niemanden und nichts an. Der Weg war schweisstreibend, doch es hatte sich gelohnt! Der lange Strand war wunderschön, Menschen tummelten sich kaum hier und das Wasser war sauber und klar, was dem Ort auch seinen Namen gab: Clearwater Bay. Ein Werbeprospektpanorama!
Ebenfalls unvergesslich war das Erlebnis, das ich nachts im Meer hatte: da die Unterkünfte und Restaurants ihre Lichter schon früh löschten, spendete um 22:00 Uhr fast nur noch der Mond etwas Licht. Ideal, um Plankton zu erleben! Wir liefen hinaus ins tiefere Wasser, bewegten unsere Arme und Beine – und sahen kleine Lichter im Wasser! Diese zeigen sich bei Bewegung des Wassers und sind am besten sichtbar, wenn es ganz dunkel ist. Es zu beschreiben ist schwierig, aber wahrscheinlich kommt man mit “wie Glühwürmchen unter Wasser” am nächsten daran. Ich hatte noch nie so etwas gesehen und war richtig erfreut über dieses Naturspektakel.
Im Hostel machte ich u.a. Bekanntschaft mit Jenna aus London, die zur selben Zeit auf Koh Ta Kiev gewesen war wie ich. Wir erinnerten uns jedoch nicht aneinander. Lustigerweise fanden wir später heraus, dass wir zuvor in Kampot in einem Restaurant am selben Tisch gesessen waren, sie in ein Buch vertieft und ich in meine köstlichen Tapas verliebt. So trafen sich unsere Wege bereits zum dritten Mal – und wir sollten auch beide zur gleichen Zeit nach Siem Reap fahren! Wie ich die Fahrt im Nachtbus dorthin überstanden habe (man nennt die Nachtbusse in Kambodscha auch “fahrende Särge”…), wie es zum ersten schmerzlichen Diebstahl meines Eigentums kam und wie ich erstmals in Südostasien Angst hatte und Tränen vergoss, lest ihr im nächsten Post.

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Clearwater Bay. Da lässt es sich aushalten.

You never travel alone…

Ich stand also am Busbahnhof von Thakhek und mir wurde mitgeteilt, dass heute kein Bus mehr fährt, obwohl der Fahrplan etwas anderes sagte. Mein Hostel in der ca. zwei bis drei Busstunden entfernten Stadt war gebucht, stornieren konnte ich nicht und telefonisch erreichte ich die Unterkunft auch nicht. Ich war wütend und ärgerte mich gleichzeitig über mich selber, da ich nicht schon am Morgen ein Busticket gekauft hatte. Doch anstatt meinem Ärger freien Lauf zu lassen, versuchte ich, ruhig zu bleiben. Erstens wusste ich, dass in Laos starke Emotionen verpöhnt sind – anstatt zu schimpfen sollte man einfach lächeln. Ich wollte mich nicht blamieren und die Dame am Schalter nicht vor den Kopf stossen (auch wenn sie wohl merkte, dass ich sehr genervt war). Zudem redete ich mir ein, dass es nichts bringt, wütend zu sein. Der Bus würde dadurch auch nicht auftauchen und die Dame konnte ebensowenig etwas daran ändern. Ich fuhr mit einem “Lätsch” zurück ins Zentrum und suchte mir für diese Nacht eine günstigere Unterkunft, nachdem ich vergangene Nacht in einem edlen Hotel genächtigt hatte. Das Hotel, das ich aussuchte, hätte die Kulisse für einen schlechten Horrorfilm sein können: renovierungsbedürftige Einrichtung aus den 80er Jahren, Kakerlaken als Zimmergenossen, ein müffelndes hässliches Bad, fleckige Bettwäsche und Ringhörigkeit. Ich überlebte die Nacht irgendwie und erwischte am nächsten Morgen tatsächlich den Bus, wobei auch dieses Unterfangen nicht ganz einfach war. In der Agentur, in der ich das Busticket gekauft hatte, hätte ich abgeholt werden sollen. Als ich 20 Minuten vor Abfahrt noch immer in der Agentur stand, fuhr mich eine Frau mit dem Scooter zum Busbahnhof, wobei ich mit meinem grossen Gepäck nicht allzu bequem sass. Als das Gefährt dann auch noch den Geist aufgab und wir die letzten Meter laufen mussten, sah ich mich schon zum zweiten Mal am Busbahnhof stranden. Doch ich hatte Glück, denn der Bus sollte erst etwa 40 Minuten nach der offiziellen Abfahrtszeit aufbrechen…

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Mit dem Fahrrad kommt man eher ans Ziel: Jungmönche in Thakhek

In Savannakhet wollte ich den Nationalpark auf einer Tour erkunden. Als ich die einzigen Touranbieter suchte und nicht fand, verriet mir ein Einheimischer, dass die Anbieter schon länger geschlossen hätten. Auch bei der Touristeninformation stand ich vor verschlossener Tür und im Internet fand ich ebenso wenig Informationen über mögliche Wandertouren. In einem netten Café gab man mir eine einfache Karte und empfahl mir, mit dem Scooter ein paar Runden in der näheren Umgebung zu drehen, um etwas in die Natur abzutauchen. So ratterte ich über holprige Wege durch die Gegend und kam nach der Durchquerung eines Waldes (auf dem Fussweg) an einen kleinen See, der schon fast vollständig von Gras überwachsen war. Ich genoss die Ruhe und machte ein paar Fotos. Als ich ein Knacken hörte, dachte ich an andere Touristen oder Einheimische, doch aus dem Dickicht kamen keine Menschen, sondern Wasserbüffel. Ich erschrak zuerst etwas, da die Tiere mit ihren Hörnern doch ziemlich eindrücklich wirken. Schnell merkte ich jedoch, dass sie wohl mehr Angst vor mir hatten. Da stand eine ganze Herde im Blätterwald und beäugte mich neugierig. Als sie dort verharrten, machte ich ihnen mit einer Armbewegung klar, dass sie sich ohne Gefahr nähern können. So trotteten die Tiere tatsächlich mit Abstand an mir vorbei und frassen vom frischen Gras am Seeufer und badeten im kühlen Nass. Wir beobachteten uns gegenseitig, wobei vor allem das Jungtier wohl noch kaum Menschen gesehen oder aber am meisten Respekt vor uns hatte. Es war eine wunderbar frieddliche Szene, wie die Tiere in sicherem Abstand an und in ihrem See weilten, während ich aus der Nähe ein paar Fotos schoss und mich über den Anblick freute. Ansonsten sah ich nicht viel Spektakuläres auf meinem Rollertrip. Wahrscheinlich müsste man mehr in die Natur abdriften, um deren Schönheit zu erleben.

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Wasserbüffel (beim) Beobachten

So fuhr ich nach einer Nacht eben weiter südwärts ins 245km entfernte Pakse, wo ich spät abends ankam und nur noch ins Bett bzw. auf die spärliche Matratze am Boden fiel und schlief. Doch nach etwa drei Stunden erwachte ich und fühlte frische Stiche, die juckten… Nein! Nicht schon wieder Bettwanzen! Ich suchte die Matratze ab und glaubte, im schwachen Licht meines Smartphones Spuren von Bettwanzen gefunden zu haben (schwarze Krümel = Wanzenkot und weisse Schüppchen = abgestorbene Haut). Ohne zu überlegen stand ich auf, packte meine Sachen und sass um 3 Uhr nachts im Gemeinschaftsraum, wo ein Mitarbeiter schlief, auf die Treppe. Dort suchte ich stundenlang nach einer Unterkunft in der Stadt, die im Internet keine Berichte von Bettwanzen aufwies, was gar nicht so einfach war… Viele Hostels schienen nicht die saubersten zu sein und obwohl Bettwanzen auch in schicken Hotels anzutreffen sind, sind die Viecher eher in vielfrequentierten günstigen Unterkünften zu finden. Irgendwann hatte ich von der Suche genug und buchte ein Zimmer in einem edlen Hotel, was mir ein Loch in mein Budget reissen würde, was mir aber in dem Moment sowas von egal war. Ich wollte nur noch in Ruhe schlafen. So schleppte ich mich völlig erschöpft kurz vor 6 Uhr, als nebst dem Mitarbeiter auch der Inhaber des Hostels aufstand, ins nahe gelegene Hotel. Der Inhaber warf mir einen fragenden Blick zu, wie ich da am Morgen früh auf der Treppe am Handy sass, doch ich war zu müde für Erklärungen. Im Hotel sagte man mir, dass das Zimmer noch nicht bezugsbereit sei. So wartete ich bei einer schlechten heissen Schokolade auf den Moment, der mir endlich den tiefen, ruhigen Schlaf bringen sollte. So sank ich um ca. 7 Uhr morgens ins unglaublich gemütliche und saubere Bett und schlief wie ein Stein. Als ich am frühen Nachmittag aus dem Schlafgemach kämpfte (am liebsten hätte ich es nie mehr verlassen), schrieb ich dem Inhaber des Wanzenhostels eine Nachricht, in der ich mich erklärte. Dabei beschuldigte ich den Mann nicht, sondern erzählte ganz sachlich meine Lage. Hostelbesitzer können ja nichts dafür, wenn sie Bettwanzen beherbergen, da diese von Reisenden mitgebracht werden und kein Zeichen mangelnder Hygiene sind. Aber sie können, nein, müssen reagieren und etwas gegen die Bettwanzen unternehmen. Nicht so wie der Besitzer des Hostels in Vientiane, der ein befallenes Bett anscheinend einfach einem neuen Gast angeboten hat… Die Antwort auf meine Nachricht an den Besitzer des Hostels in Pakse trieb mir vor Rührung fast die Tränen in die Augen: er entschuldigte sich und bedauerte, dass ich in seinem Hostel keine gute Zeit gehabt hatte. Auch er sei machtlos gegen die Mistviecher, habe erst vor Kurzem alle Matratzen ausgewechselt, da es einen Bettwanzenvorfall gegeben habe. Aber wenn nur jemand die Käfer wieder in den Schlafsaal mitbringt, sind sie wieder da (bzw. vielleicht waren sie gar nicht richtig weg, da sie sich verdammt gut verstecken können und sich wie die Karnickel vermehren). Er bot mir als Wiedergutmachung an, mich zum Abendessen einzuladen und bat mich, vorbeizukommen. Was für eine schöne Geste in dieser hässlichen Geschichte! Ich folgte der Einladung und kehrte an den “Ort des Grauens” zurück. Weil ich jedoch keinen Hunger hatte, trank ich lediglich etwas und unterhielt mich mit dem wirklich netten Inhaber, Dieter aus Köln. Er lebt schon einige Jahre in Südostasien und wusste viel zu erzählen – nicht nur Positives. So bezeichnete er die Laoten mehrmals als lethargisch, von anderen abhängig und wenig loyal. So sei es schon mehrmals vorgekommen, dass seine Mitarbeiter zu ihm gekommen seien und meinten, sie müssten zu ihrer eigenen Hochzeit fahren oder die Eltern bei der Reisernte unterstützen und könnten deshalb nicht mehr bei ihm arbeiten. Er sei dann jeweils mit einem einzigen verbleibenden Mitarbeiter dagestanden und habe den ganzen Laden alleine schmeissen müssen. Arbeitsgesetze und -Regeln haben zum Teil halt schon auch etwas Gutes…

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Volles Haus im Pickup-Tuktuk nach Champasak

Obwohl ich in Pakse gerne noch die Hochebene mit den Kaffeeplantagen und Wasserfällen besucht hätte, rannte mir die Zeit davon. Es blieben nur noch ein paar Tage übrig, ehe ich das Land verlassen musste. Also setzte ich meinen Weg fort und fuhr von Pakse in einem vollgepackten Pickup mit Einheimischen weiter südlich nach Champasak. Dort kam ich nach etwa einer Stunde an und checkte in ein gemütliches Guesthouse am Mekong ein. Dieses hatte ausser Kakerlaken und Spinnen keine Viecher in den Zimmern, auf jeden Fall keine Bettwanzen. Champasak ist ein winzig kleiner Ort mit lediglich einer Strasse, die sich dem Mekong entlang an hübschen französischen Kolonialhäusern vorbeizieht. Unternehmen kann man hier ausser der Besichtigung des Wat Pho, einer hübschen Tempelanlage, nicht viel. Mit einem klapprigen Fahrrad suchte ich diese Stätte auf, welche sich an einem Hügel empor zieht. Nebst eindrücklichen, verfallenen Ruinen führen unebene Treppen nach oben, vorbei an wunderschönen Mangolien. Von oben hat man die beste Aussicht auf die Landschaft und den Mekong. Ich genoss die Erkundung des Wat, vermisste jedoch wie schon bei früheren Tempeln nähere Informationen und die Geschichte dazu.

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Unebene Wege zum Wat Pho

So zog ich schon bald von dannen, um meinen Weg ganz in den Süden Laos’ unter die Füsse zu nehmen. Mit dem Boot erreichte ich das andere Flussufer von Champasak, von wo aus mich ein Tuktuk an die Hauptstrasse brachte, wo ich auf den Transport zu den viertausend Inseln wartete. Mir wurde gesagt, dass täglich mehrere Pick ups in die Richtung fahren würden und ich beim Heranwinken der Autos lediglich meinen Zielort nennen müsse. Nach wenigen Minuten kam dann auch schon ein Pick up, der auf mein Handzeichen hin rechts ranfuhr und mich auf die Nennung meines Ziels hin auflud. Wieder waren nur Einheimische an Bord, welche mich zuerst neugierig musterten, sich dann aber an die unkonventionell reisende Einzelgänger-Touristin gewöhnten. Wieder wurde ich Zeuge von Umweltsünden und musste mitansehen, wie die Leute ohne mit der Wimper zu zucken ihren Müll aus dem Pick up warfen. Mir ist bewusst, dass man die Übeltäter nicht verurteilen kann, da sie es nicht besser lernen, aber ich frage mich, was sich die Menschen überlegen, was mit dem Abfall passiert, wenn sie ihn auf der Strasse, am Wegrand, in der Natur entsorgen. In der Frage liegt wohl auch schon die Antwort: die Leute denken sich wahrscheinlich nichts dabei, haben gar nie gelernt, was Umweltbewusstsein bedeutet. Und das muss man in Ländern wie Kambodscha meiner Meinung nach schleunigst ändern. Man sehe sich nur mal die Weltmeere an… doch dazu später.

Nachdem wir etwa zwei Stunden mit Schlaglöchern, viel Sand und abrupten Bremsmanövern (wegen Kühen oder anderen Tieren auf der Strasse) hinter uns gebracht hatten, erreichten wir Nadasang. Von dort aus brachte mich ein einfaches Boot hinüber auf eine der bekanntesten Inseln der Umgebung: nach Don Det. Der Mekong ist an dieser Stelle bis zu 16km breit und gespickt mit zig tausend kleineren und grösseren Inseln. Man fühlt sich hier nicht mehr einfach wie an einem gewöhnlichen Fluss, sondern an einem grünen, sauberen See. Da ich auf meiner Bootsfahrt auf dem Mekong nach Luang Prabang mitbekommen hatte, wofür die Menschen den braunen Fluss nutzen, traute ich mich nicht, darin zu baden, auch wenn er komischerweise rund um die viertausend Inseln grün schillernd und sauber wirkte. Ich hatte noch die Worte meiner Tropenärztin im Ohr, welche Bezug nehmend auf den Mekong von Bilharziose sprach: eklig kleinen Würmern, die sich als Parasiten in Süsswasserschnecken tummeln und durch die menschliche Haut ins Körperinnere gelangen. Dort können sie jahrelang leben und sich vermehren. Dazu hatte ich nun wirklich keine Lust, auch wenn ich in der sengenden Hitze eine Abkühlung nur allzu gerne willkommen geheissen hätte…

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4’000 Inseln auf dem Mekong

Die erste Nacht verbrachte ich auf Don Det in einer zu teueren und lieblosen Anlage, die ich aufgrund der zentralen Lage aufgesucht hatte. Doch ich wollte weg aus dem Partyzentrum der Insel, wo sich die meist jungen Reisenden zudröhnten und feierten. Anscheinend werde ich alt oder bin zur Spassbremse mutiert, denn ich bevorzugte in dem Moment eine ruhige Kugel zu schieben. Zum Glück fand ich etwas abseits, etwa 20 Minuten zu Fuss vom Zentrum, ein Guesthouse mit Bungalows und ein Restaurant mit fantastischer Küche. Lutz, ein Deutscher, betreibt dort zusammen mit seiner laotischen Frau das Restaurant (wo es nebst Deutschen auch Schweizer Spezialitäten zu geniessen gibt), während seine Schwiegereltern die Bungalows unterhalten. In einem solchen schlief ich dann auch zwei Nächte und lauschte abends dem Naturkonzert der Geckos, Zikaden und anderen tierischen Musikanten. Morgens wurde ich in aller Frühe vom Hahn und den Booten auf dem Mekong geweckt. Ausschlafen war kein Thema. Dennoch genoss ich ein paar Tage mit Lesen, auf unbequemen Fahrrädern bei der Erkundung der Insel und der Nachbarinsel Don Kong auf holprigen, staubigen Wegen und in Gesprächen mit einer sympathischen deutschen Touristenfamilie. Die gebuchte Kajaktour mit Besuch einer der grössten Wasserfälle und der Suche nach Süsswasserdelfinen wurde abgesagt, da es an dem Tag regnete. Da hatte ich just den falschen Zeitpunkt gewählt… Nun denn, mein Guesthouse bot einen gemütlichen Unterschlupf und so verstrich die Zeit, während ich las, ass und döste. La dolce vita!

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Auf Don Det wird eine ruhige Kugel geschoben

Nach drei Nächten war dieses Abenteuer fertig und ich brach auf Richtung Kambodscha. Der gebuchte Bus sollte uns zur Grenze, danach ins nahe gelegene Stung Treng und mich schliesslich ins nordöstlich gelegene Banlung in der Provinz Ratanakiri bringen. Als wir mit dem Boot Nadasang erreichten, mussten wir erstmal warten und die benötigten Papiere für ein Visum on arrival ausfüllen. Ich hatte gelesen, dass man dafür US$ 30 zahlt. Jedoch verlangte der Typ, der die vielen nach Kambodscha Reisenden über alles informierte, US$ 40. Der Preis liege bei US$ 35, da das Busunternehmen das Visa und die Stempel organisiere. Dazu würden je US$ 2 für den Ausreise- und Einreisestempel kommen. Der Einfachheit halber rundete man dann von US$ 39 auf US$ 40 auf. Für mich kamen nochmals US$ 2 dazu, da ich kein Passfoto dabei hatte. Wir zahlten also ganze US$ 10 mehr, als man normalerweise beim Grenzübertritt hinlegt. Ich wehrte mich und wies den Typen auf die offizielle Gebühr von US$ 30 hin. Er wurde laut und meinte gehässig, dass ich die US$ 40 bzw. US$ 42 bezahlen müsse. Ich könne das Ganze auch alleine erledigen, aber indem er alle Pässe einsammle und die Arbeit übernehme, gehe es schneller. Ich selber müsse wahrscheinlich lange anstehen und warten und der Bus würde dann vielleicht nicht auf mich warten. Ich wurde ebenfalls wütend, denn Gebühren für den Ausreise- oder Einreisestempel hatte ich noch nie bezahlt und ich hatte absolut keine Lust, diesen Abzockern das Geld in den Arsch zu schieben! Es ging mir dabei nicht mal so sehr um die US$ 10, die ich zu viel bezahlte (obwohl das für Laos/Kambodscha viel Geld ist), sondern um die dreiste Abzocke, die sich die Menschen am Grenzübergang leisteten. Doch ausser mir wehrte sich niemand und da ich mit meinem betüpften Gerechtigkeitssin allein zu sein schien, sah ich keine Chance, etwas zu erreichen. Also bezahlte ich das Geld und war danach noch eine Weile richtig wütend.

Der Grenzübertritt nach Kambodscha war schnell gemacht und nach einigem Warten in einem Restaurant im Niemandsland fuhr der Bus weiter nach Stung Treng, wo wir etwa nach 1.5 Stunden ankamen. Dort wurde ich als Einzige rausgelassen und wartete in einem Busbüro auf meinen Van nach Banlung. Mir wurde nicht mitgeteilt, wie lange ich warten müsse, und als ich fragte, hiess es “wait here”. Schliesslich kam nach etwa einer Stunde ein leerer Van und lud mich als Einzige auf. Nachdem wir ein paar Strassen weitergefahren waren, hielt der Fahrer, stieg aus und entfernte sich. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Nachdem ich nochmals etwa 15 Minuten im Backofenähnlichen Van gewartet hatte, kam der Fahrer mit einem anderen Mann zurück und wir fuhren endlich los. Es dauerte etwa zwei Stunden, bis wir abends in Banlung ankamen, wo mich der Fahrer netterweise direkt zu meinem Guesthouse fuhr. Da mich der Hunger fest im Griff hatte, suchte ich als erstes gleich ein Restaurant auf. Auf dem Weg dorthin winkten mir die Kinder zu, riefen fröhlich “Hello!” und fragten mich auf Englisch nach meinem Namen. Ich freute mich über die fröhlichen Gesichter und erkannte schnell, dass Kambodscha ein sichtlich armes Land ist: Bezogen auf das BIP pro Kopf ist es das ärmste Land Südostasiens und nach Senegal das ärmste Land, in dem ich je war. Ich spürte sofort eine vorher nirgends solch stark wahrgenommene Demut und war sehr berührt von der Freundlichkeit der Kinder und auch der Erwachsenen.

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The cool kids

Zurück im Guesthouse erwartete mich ebendiese Herzlichkeit in Form einer Gastfamilie mit Reaksa, ihrem Mann Sina und Bee Bee, einem 3.5 jährigen aufgeweckten Jungen, den ich sofort ins Herz schloss, und drei jungen knuffigen Hunden. Die Familie hatte das kleine Guesthouse erst vor Kurzem eröffnet und arbeitete weiter an kleineren und grösseren Anpassungen. Dabei griff ihnen Norbert, ein pensionierter Deutscher, unter die Arme. Er hatte die Familie ein Jahr zuvor bei seinem Kambodscha-Aufenthalt kennengelernt und war nun mit Material aus Deutschland, Verbesserungsvorschlägen und einer helfenden Hand zurück. Bee Bee nannte ihn Grandpa und die Familie hatte ihn sichtlich ins Herz geschlossen.
Nebst ihm war da noch Lars aus Österreich, ein mittelalter gemütlicher Hippie, der auch zum wiederholten Mal in Kambodscha unterwegs war. Und schliesslich weilte noch die fast zwei Meter grosse Kirsty aus England im Guesthouse. Mit ihr erkundete ich die Umgebung und verbrachte einen grossen Teil meiner Zeit. So fuhr uns Reaksas Schwager mit dem Tuktuk über hügelige staubtrockene Wege, wobei wir uns z.T. wie beim Motocross vorkamen, zu Wasserfällen und einem kreisrunden Kratersee, in den wir nach der Umrundung hineinspringen mussten. Da in Kambodscha – ausser am Strand – das Tragen eines Bikini verpöhnt ist, behielten wir wie alle Einheimischen die Kleider an und schwaderten im erstaunlich sauberen Wasser herum. (Hier hatte ich komischerweise keine Angst vor Bilharziose, obwohl der Kratersee doch mehr ein stehendes Gewässer darstellt als der langsam fliessende Mekong).

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Kirsty am Kratersee Yak Lom

Wir besuchten zudem ein Feld, wo Löcher gebohrt wurden, um an Diamanten zu kommen, welche v.a. bei Touristen Anklang finden. Kirsty kaufte dann auch einen hübschen Edelstein, wobei ich mich bei aller Schönheit nicht sonderlich für die glitzernden und funkelnden Dinge begeistern konnte.
Es war ein wunderbarer Aufenthalt bei der Familie. Reaksa, die Mutter, die nur ein paar Jahre jünger ist als ich, sprach sehr gut Englisch, war äusserst hilfsbereit und kochte ausgezeichnet. So gab es jeden Abend family dinner, wo auch ihr Schwager mit Frau und Kind zugegen war. Sie zauberte die unterschiedlichsten Speisen auf den Tisch, die man zusammen mit dem steamed rice durchprobieren konnte. Dazu gab es günstiges Bier aus der Dose und die herumwuselnden Jungs, die vor allem abends nur noch am Smartphone hingen und stundenlang irgendwelche Youtubevideos schauten. Der Erziehungsberaterin in mir standen die Haare zu Berge, doch natürlich wollte ich Reaksa keinen Vortrag halten, zumal ich in einem fremden Land war und mich nicht dazu berechtigt sah (wobei ich natürlich auch in der Schweiz nicht ungefragt jedermann meine Verbesserungsvorschläge aufs Auge drücken würde). Als ich eines Morgens Reaksa nach Papier und Stift fragte, rief ich Bee Bee zu mir und führte ihn in die Kunst des Zeichnens ein, wobei ich es als ein Wunder sah, dass er mein Gekritzel, das ein Hund darstellen sollte, erkannte bzw. mit “wuff wuff” kommentierte. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben und kritzelte selber etwas ungelenk über das Papier. Nachdem ich erkannte, dass man Bee Bee zum Zeichnen begeistern konnte, fragte ich Reaksa nach einem Geschäft, wo man Papeterieartikel und evtl. Kinderbücher kaufen konnte. Tatsächlich gab es ganz in der Nähe ein Geschäft, wo es beides en masse gab, wobei man die Kinderbücher nicht mit den unsrigen vergleichen kann. Zusammen mit Lars und Bee Bee durchstreifte ich die Regale und kaufte schliesslich Farbstifte, ein Malheft und ein einfaches Kinderbuch, wobei Buch schon übertrieben ist. Bee Bee zeigte schon im Laden Interesse an den Farben und so zeigte ich ihm, als wir zurück waren, wie die Dinger funktionierten. Er hatte das Mickey Mouse-Malheft ausgewählt und so bekam die Sonne schon bald ein blaues Kleid und Mickeys Zunge eine grüne Farbe. Ich freute mich mindestens genauso wie Bee Bee über die kreative Beschäftigung und erklärte Reaksa die “Handhabung” des Kinderbuchs. Die Geschichte war in Khmer (der Sprache in Kambodscha) und Englisch abgedruckt, daneben gab es farbige Bilder zum Anschauen. Sie könne es Bee Bee vorlesen, während er sich die Bilder anschauen könne. Die meisten Kinder liebten dies und würden die Geschichten immer wieder hören wollen. Ob sie verstanden hat, wie sie Bee Bee Geschichten fernab von Youtube nahebringen kann, weiss ich nicht, aber wenigstens hatte ich es versucht. Der Junge zeigte auf jeden Fall Interesse am Malen und holte das Heft und die Farben während meines Aufenthalts ungefragt hervor, suchte meine Nähe auf und kolorierte die Figuren. Dabei sang er stolz bei jedem Farbstift, den er in der Hand hielt, die korrekte englische Bezeichnung “blue colour, blue colour, blue colour”. Es war herrlich mitanzusehen!

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Bee Bee der kambodschanische Künstler

Nachdem ich meinen Aufenthalt bei der Familie schon verlängert hatte, war es nach vier Nächten dann doch Zeit, weiterzuziehen. Ich wollte schliesslich noch mehr von diesem eindrücklichen Land mit diesen wunderbaren Menschen sehen! So fuhr ich in einem Van, der wahrscheinlich aus der Schweiz kam (Notausgang war auf Deutsch, Französisch und Italienisch angeschrieben) und offiziell Platz für 13 Personen bot, mit etwa 18 zusammengepferchten Menschen, die z.T. auf Gartenstühlen oder dem Gepäck sassen, nach Sen Monorom in Mondulkiri, das im Südosten des Landes liegt. Die Fahrt dauerte etwa 4.5 Stunden und das wunderschöne Guesthouse abseits der nichtssagenden Stadt erwartete mich als einzigen Gast. Ich genoss die Aussicht auf die grüne Umgebung, fuhr mit dem Roller (wie gewohnt in Motocross-Manier) zu dem atemberaubenden Wasserfall Bou Sra, unter dessen kalten Wasser ich mich zum Leben erweckt fühlte.

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Bou Sraaah!

Eine Wanderung zu den Elefanten oder in den nahe gelegenen Nationalpark unternahm ich nicht, da ich auch hier der Tierhaltung nicht traute und ich nicht alleine in der sengenden Hitze wandern gehen wollte. So brach ich schon bald auf nach Kratie, einer Kleinstadt am Mekong. Dort traf ich Kirsty wieder, die ebenfalls den Weg hierhin gefunden hatte. Ich ging auf dem Mekong Kayak fahren und dachte daran, wie ich als kleines Mädchen mit meinem Vater, seinen Freunden und meinen älteren Brüdern auf Schweizer Flüssen im Boot mitgefahren bin. Damals durfte ich mich zurücklehnen und die Älteren rudern lassen, während ich nun auf dem erstaunlich grünen und sauberen Mekong das Ruder selber in die Hand nehmen musste. Ich sass mit dem Guide im Kayak und paddelte fleissig, so dass ich meine Arme schon nach kurzer Zeit spürte. Das hatte ich weniger anstrengend in Erinnerung… Zudem brannte die Sonne schonungslos vom Himmel, was die Angelegenheit nicht vereinfachte. Aber es machte Spass sich selbständig auf der südostasiatischen Lebensader fortzubewegen. Noch schöner wurde es, als wir an einen Punkt kamen, wo wir Flussdelfine beobachten konnten. Diese leben nur im Süsswasser und die wenigen übriggebliebenen Exemplare (die armen Tiere wurden zur Zeit der roten Khmer gefangen und getötet) tummeln sich in Becken des Mekong in Laos und Kambodscha. Es war richtig toll, die Tiere aus relativ nächster Nähe aus dem Wasser auftauchen zu sehen. Dabei kamen sie jeweils nur kurz an die Oberfläche, so dass man keine Gelegenheit hatte, die Tiere auf Fotos festzuhalten. Es waren Momente, die einzig und allein im Gedächtnis abgespeichert werden konnten. Ein unvergessliches Erlebnis!

Leider schlief ich in Kratie nicht gut, da ich den mir schon so bekannten Juckreiz verspürte… zum vierten Mal Bettwanzen! So langsam raubten mir die Plaggeister den letzten Nerv. Dennoch wollte ich mir von ihnen den Spass nicht verderben lassen. So buchte ich für die zweite Nacht eine Übernachtung in einem Homestay. Dabei schläft und isst man bei einer kambodschanischen Familie, was ich auf der Insel Koh Trong machen wollte. Diese liegt knappe 15 Minuten Überfahrt von Kratie entfernt auf dem Mekong. Es gibt ein paar Homestays, ein oder zwei schickere Unterkünfte und ein einfaches, unaufgeregtes Dorfleben. Touristen sieht man nur tagsüber, über Nacht schienen auf jeden Fall während meines Aufenthalts kaum welche zu bleiben.

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Kinderstrahlen

Bei meiner Familie angekommen wurde mir mein Zimmer gezeigt, wo gerade mal ein Bett drin Platz hatte. Das genügte mir, mehr brauchte ich ja nicht. Das Holzhaus stand auf Stelzen (für die Regenzeit) und war schlicht gebaut. Leider kümmerten sich die Familienmitglieder nicht gross um mich; obwohl einige Englisch sprachen, gingen alle anderen Beschäftigungen nach und mochten sich nicht mit mir unterhalten. Das Abendessen wurde mir am Tisch serviert, die Familie selber ass z.T. zeitlich getrennt und am Boden, zu mir gesellte sich niemand. Dass das so Gang und Gäbe ist, kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber die Stimmung aufmischen mochte ich dann doch nicht. Von den Bananen, die mir zum Nachtisch hingelegt wurden, nahm ich eine mit ins Zimmer. Da ich von der vorangegangenen Bettwanzengeplagten kurzen Nacht müde war, versuchte ich, früh schlafen zu gehen. Zuerst befielen mich jedoch münzgrosse Käfer, die aus dem Irgendwo auf mich herunterfielen. Ich flüchtete mich in meinen Seidenschlafsack und hoffte, so Ruhe zu haben. Doch nachts wachte ich durch ein Trippeln und Fiepen auf. Ich war sofort hellwach und hatte das Gefühl, dass da eine Maus in meinem Zimmer war. Oh nein…meine Banane! Dumm und naiv, wie ich war, hatte ich sie auf mein Bett, direkt neben das Kopfkissen hingelegt. Das Licht meines Handys brachte mir dann die Bestätigung: “etwas” hatte an der Banane geknabbert und deutliche Spuren hinterlassen. Ich ekelte mich richtiggehend und überlegte nervös, was ich mit der angefressenen Frucht machen sollte. Aus dem Zimmer ins Wohnzimmer werfen? Das würde wohl noch mehr Mäuse anlocken und die kämen dann sicher auch wieder in mein Zimmer. So öffnete ich die Läden des Fensters und warf das Lockmittel in hohem Bogen hinaus. Weiter kontrollierte ich, ob ich auch wirklich alle Öffnungen meines Gepäcks verschlossen hatte, da ich am nächsten Tag keine unangenehmen Überraschungen erleben wollte. Ängstlich und angeekelt kroch ich tief in meinen Schlafsack und hoffte, den Rest der Nacht ohne tierische Angriffe verbringen zu können. Ich hörte zwar nochmals ein Geräusch, das ich einer Maus zuschrieb, körperlich angegriffen wurde ich aber zum Glück nicht (mehr). Das war mir eine Lehre! Bananen und andere Lebensmittel gehören schlicht nicht ins Bett und am besten verbannt man zur eigenen Sicherheit jegliches Essen aus dem Schlafzimmer.

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Etwa so sah meine Unterkunft für eine Nacht aus

Ich fuhr am nächsten Tag weiter nach Kampung Chan, das 131km südlich von Kratie entfernt liegt. Dort machte ich nicht allzu viel, ausser dem Begehen einer Bambusbrücke, dem Beobachten des Sonnenuntergangs über dem Mekong und dem Besteigen eines schwindelerregend hohen, alten französischen Turms mit Blick über die Flussstadt. Der Halt im eher unspektakulären Kampung Cham war eher ein Zwischenstopp auf dem Weg in die Hauptstadt, welche ich am nächsten Tag auf mich nahm. Doch dazu mehr beim nächsten Blogeintrag…

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Bambusbrücke in Kampong Cham

Slow down & take it easy

Den eigenen Weg finden. Dass man die eigenen Ziele, Vorhaben und v.a. den persönlichen Rhythmus nicht aufgibt, das ist für mich fundamental beim Reisen. Sonst könnte ich mich auch einer Reisegruppe anschliessen oder einfach jemandem blindlings das Kommando übergeben. Natürlich gilt es auch, Kompromisse einzugehen, sich abzusprechen und aufeinander zu achten. Ich rede nicht davon, dass man egoistisch seinen Weg gehen, weder links noch rechts schauen und die Bedürfnisse der Mitreisenden missachten soll. Mir ist es jedoch ausserordentlich wichtig, gerade bei so einer grossen Reise den eigenen Weg, den ich erst nach und nach aufdecke, nicht aus den Augen zu verlieren. Ich weiss, dass ich nicht nur eine angenehme Reisepartnerin bin und meine Ecken und Kanten habe. Deswegen bin ich froh, auch mal alleine ein paar Schritte zu machen und nur mit Menschen einen Abschnitt zu gehen, die mir auch gut tun und denen ich nicht nur auf den Sack gehe. Denn Reisen soll kein Aushalten und auch kein Kampf sein, sondern ein angenehmes Miteinander trotz verschiedenen Rhythmen – und eben auch das Reisen allein und auf eigenen Füssen gehört für mich dazu.

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Jonathan, Pierre-Alexandre und ich auf unserem gemeinsamen Ausritt

Als Pierre-Alexandre John und mich verlassen hatte, sattelten wir das Motorrad, mit dem John nun schon einige Tage unterwegs war und machten uns auf ins goldene Dreieck. So wird die Ecke ganz im Nordosten Thailands bezeichnet, wo das Land mit Laos und Myanmar zusammenkommt. Ich hatte keine Ahnung, wie John fuhr und war zu Beginn schon etwas unsicher, mich bei ihm hintendrauf zu setzen. Man kann es als naiv ansehen, als dumm – und auch als abenteuerlustig. Ich merkte schnell, dass er vorsichtig fuhr und nicht raste. Unser erster Stopp war schon etwa 30 Minuten nach Chiang Rai; in Mae Sai, der nördlichsten Stadt Thailands, wo wir bei freundlichen Gastgebern abseits des Zentrums, jedoch direkt an der Schnellstrasse, übernachteten. Von dort aus besuchten wir eine Höhle, vor der sich zig Affen tummelten und sich Mensch und Tier wieder einmal gegenseitig beobachteten. Danach fuhren wir an einer Teeplantage vorbei über kurvige Strassen durch die Hügel der Gegend, von wo aus man einen wunderschönen Blick nach Myanmar hatte. Ich merkte bald, dass John mehr Pausen machen und die Aussicht geniessen wollte. Ich genoss die Umgebung schon beim Fahren und musste nicht immer wieder anhalten, um Fotos zu schiessen. Da Geduld in meinen Genen nicht gross vertreten ist, war die Stimmung bald etwas angespannt, als John zum wiederholten Mal links ranfuhr und vom Roller stieg. Da die ganze Idee mit der gemeinsamen Motorradtour von ihm kam, versuchte ich, mich seinem Rhythmus anzupassen, was mir nicht einfach fiel. Irgendwie schafften wir es dann doch zurück nach Mae Sai, wo wir auf dem Abendmarkt neue Sachen ausprobierten, die uns beiden mundeten: eine Suppe mit Nudeln, Gemüse und Kräutern sowie grillierte Maisfladen und ein zu süsser Iced Thai Tea. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Chiang Saen. Dies befindet sich am Mekong, wobei man über diesen direkt nach Laos und auch einen Zipfel Myanmars sehen kann. Wir besuchten das Opium-Museum, da in der Gegend früher Massen davon hergestellt und als Opium und Heroin exportiert wurde. Heute ist die Herstellung grössenteils verboten und dank finanzieller Einnahmen durch den Tourismus und schärferer Kontrollen durch die Polizei stark gesunken. Es wurden nicht nur die geschichtlichen Hintergründe gezeigt und erklärt, man ging auch auf die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Aspekte ein, was mich noch mehr interessierte. Auch im Museum wurde klar, dass ich über weniger Geduld als der Normalbürger verfüge, wobei John wahrscheinlich aber auch gemächlicher und langsamer durch’s Leben schreitet. So zeigt sich, dass es nicht reicht, einander sympathisch zu sein, um längerfristig gute Reisebuddies sein zu können, es gibt auch noch andere Eigenschaften, auf die man achten muss. So merkten wir, dass wir auch bezüglich Unterkunft und Restaurants verschiedene Preisvorstellungen hatten. Da John plant, noch bis Ende Jahr unterwegs zu sein, will er nicht viel Geld dafür ausgeben, wobei mir ein gewisser Komfort doch wichtig ist (ich brauche kein Hotel, gute Hostels sind für mich ausreichend). Als ich vor 10 Jahren das erste Mal reisen ging, buchte ich auch immer die günstigste Herberge; wahrscheinlich bin ich mit dem Alter und der Reise-Erfahrung anspruchsvoller geworden (John ist 23 Jahre jung). Trotz unserer Differenzen und unterschiedlichen Vorstellungen hatten wir es hauptsächlich gut miteinander. John kam mir zuweilen vor wie ein junger Bruder, der halt auch mal nerven kann. Durch seine Erfahrung mit zwei älteren Schwestern wusste er wohl auch Bescheid über zum Teil anstrengende Frauen in meinem Alter (der Glückliche durfte sogar mein PMS erleben).

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Wunderschönes Panorama mit Blick auf Myanmar

Von den vielen Informationen des Museums gesättigt und mit obligaten Fotos vor dem Mekong (und somit im Dreiländereck) fuhren wir einen Ort weiter, nach Sop Ruak, und dort noch ein bisschen raus in die Natur an einen kleinen See. Wir begegneten wunderschönen freilaufenden Pfauen, sahen der Sonne bei ihrem Untergang zu und suchten danach hungrig das Flussufer auf, wo auf dem Abendmarkt ein frischer Fisch unser Abendessen werden sollten. Mit viel Reis und einer grossen Flasche Bier liessen wir uns neben den Einheimischen, die es sich ebenfalls am Ufer gemütlich machten, nieder und liessen es uns schmecken. Der nächste Tag sollte unser letzter gemeinsamer sein. Innerhalb von etwa anderthalb Stunden waren wir wieder in Chiang Rai, wo wir unser grosses Gepäck gelassen hatten und sich unsere Wege vorerstmal wieder trennten.

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Wooow, schau, ein Pfau, so schön blau!

John fuhr mit dem Scooter nach Chiang Mai, da er ihn dort zurückgeben musste. Ich nahm den Bus und noch am selben Abend den Schlafbus nach Nong Khai. Mein Visum in Thailand lief aus – und das Visum für Laos rief. Vom Busbahnhof aus ging es morgens um ca. 10 Uhr über die Grenze und mit dem Bus nach Vientiane, der Hauptstadt des Landes. Ich kam ziemlich erschöpft an, da ich nachts im Bus nicht viel geschlafen hatte. Schon in Vientiane spürte ich die Gemütlichkeit der Laoten und merkte, dass sie ruhige und eher zurückhaltende Menschen sind (ausser die Tuktukfahrer, die sind überall auf der Welt gleich mühsam). Selbst in der Hauptstadt fühlte man sich, als wären die Uhren stehen geblieben und die aus anderen südostasiatischen Städten bekannte Hektik ausgeschlossen worden. Die Bauten aus der französischen Kolonialzeit, die fehlenden Wolkenkratzer sowie die vielen Bäckereien und Cafés trugen noch mehr zu einer gemütlichen und angenehmen Atmosphäre bei. Obwohl ich Vientiane nicht als schöne Stadt bezeichnen würde, fühlte ich mich sofort wohl. Abends traf ich dank der modernen Technik (Hangout-App) einen Romand, der lediglich für drei Wochen unterwegs war und seine letzten paar Tage in Laos vor sich hatte. Wir assen in einem Restaurant Znacht, wo wir uns fast gezwungen sahen, uns das Dessert zu teilen, das auf der Karte bildlich angepriesen wurde: Schokoladenfondue mit Genfer Schokolade. Es schmeckte tatsächlich sehr lecker und Alexandre, der in Genf lebt, konnte einen authentischen Geschmack nicht abstreiten. Da ich am nächsten Tag John und zwei seiner Reisegspänli erwartete, musste Alexandre am nächsten Tag alleine weiter nach Vang Vieng fahren, obwohl dies auch mein nächstes Ziel war. Als ich am nächsten Tag neben John einen weiteren Romand und eine Deutsche begrüsste, merkte ich, dass sie schon ein eingespanntes Team waren und einen anderen Rhythmus hatten. Wir assen zusammen, spielten Bowling (wer wohl wieder gewonnen hat?), besuchten einen Nachtmarkt und hatten eine gute Zeit zusammen, jedoch wollte ich nicht länger in Vientiane bleiben, sondern in die Natur abtauchen.

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Sonnenuntergang am Mekong in Vientiane

So fuhr ich am nächsten Morgen, während die anderen noch länger blieben, über holprige, staubige Strassen nach Vang Vieng, das 150km nördlich von Vientiane liegt. Für die Strecke brauchten wir etwa vier Stunden, was den Zustand der Strassen erklären vermag… Ich traf Alexandre wie abgemacht wieder im Hostel und erkundete mit ihm, einer Reisenden aus Hong Kong und einem Südkoreaner die Umgebung auf dem Scooter. Vang Vieng selber ist nicht schön und als Partyort bekannt (wobei die Drogenszene deutlich abgenommen hat), aber die umliegenden Karstgebirge, Höhlen, Wasserfälle und Lagunen sind absolut sehenswert! Wieder stieg ich bei einem fast Unbekannten auf den Scooter, wobei ich Alexandre mehr vertraute, da er in der Schweiz Scooter fahren darf und durch sein Alter auch mehr Erfahrung hat. Über die holprigen, staubtrockenen Wege zu rattern war dann aber auch ein ganz anderes Fahrerlebnis, als sich durch die kurvigen, steilen Bergstrassen Thailands zu schlängeln. “Weisst du, welche Räder überall hinfahren? Gemietete!”, meinte Alexandre lachend und gab Gas. Nachdem wir durch eine grosse, angenehm kühle Höhle spaziert waren, uns in einem kleinen aber feinen Wasserfall erfrischt und einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen hatten und von einer braunen Staubschicht überzogen zurück im Hostel waren, ging es mir plötzlich nicht mehr gut – ich hatte das erste Mal auf meiner zweimonatigen Reise eine Magenverstimmung. Während die anderen Essen reinschaufeln gingen, liess ich mein Essen raus. Ich erholte mich am nächsten Tag am Hostelpool beim dolce far niente und hatte tagelang keinen Appetit mehr – dafür ging es mir schnell wieder besser. Bevor ich den Bus nach Luang Prabang bestieg, hockte ich mich nochmals bei jemandem auf den Scooter. Dieses Mal war Peppe aus Italien am Lenker. Zusammen holperten wir an winkenden Kinderscharen, im Weg stehenden Kühen und abgelegenen Orten vorbei zu zwei erfrischenden blauen Lagunen, in denen wir ein paar Runden schwammen. Bei den Temperaturen (wahrscheinlich Ende 30 Grad) konnte man auch nicht viel anderes machen.

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Die Frau wünschte ein Foto. Dem Jungen gefiel es nicht so.

Die knapp 190km nach Luang Prabang absolvierte der Minivan dann in etwa vier Stunden, was mich in der Dunkelheit in der ehemaligen Hauptstadt Laos’ ankommen liess. So nahm ich das hübsche UNESCO-Weltkulturerbe erst am nächsten Tag richtig wahr. Zuerst gab es noch ein letztes Treffen mit Alexandre und ein paar Leuten, die er ebenfalls über die Hangout-App gefunden hatte: mit Andrea aus Italien, Murat aus Frankreich und Jill aus Luxemburg verstand ich mich bestens und traf ich mich auch die nachfolgenden Tage wiederholt. Weiter machte ich Bekannschaft mit Ines aus Deutschland, Luana aus Brasilien und Renae aus Australien. Es machte richtig Freude, wieder einmal so viele Leute um sich zu haben, mit denen man sich austauschen und eine gute Zeit verbringen konnte. Denn auch wenn ich (beim Reisen) manchmal gerne ein Einzelgänger bin, geniesse ich die Gesellschaft interessanter Leute aus aller Welt auf jeden Fall auch sehr! Wie gesagt, eine abwechslungsreiche Mischung macht es für mich aus: alleine und mit tollen Menschen zusammen seinen Weg gehen. So erkundete ich die schöne, von der französischen Kolonialzeit geprägte Altstadt auf eigene Faust, schlenderte durch die fotogenen Strassen, warf in den unzähligen Bäckereien und Patisseries jegliche Diätgedanken in den Wind und fand Abkühlung bei Fruchtshakes unter Ventilatoren.

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Luang Prabang: UNESCO-Weltkulturerbe

Mit zwei Mädels besuchte ich an einem regnerischen Tag das UXO-Informationszentrum. Die unexplodierten Objekte (Bomben), die aus dem Vietnamkrieg stammen, sind noch heute im ganzen Land verteilt und eine Gefahr für die Menschen. Es kommt immer wieder zu (tödlichen) Unfällen, wenn Kinder unwissend mit den Bomben, die sie finden, spielen oder wenn Erwachsene bei der Arbeit auf dem Feld auf die Objekte stossen. In Dokumentarfilmen kamen betroffene Personen zu Wort: sie hatten Arme oder Beine verloren, sind einseitig erblindet, kämpfen tagtäglich mit Schmerzen und finanziellen Einbussen durch die körperlichen Behinderungen. Ich hatte keine Ahnung, dass Laos das am meisten bombardierte Land der Welt ist und war empört und aufgewühlt, als ich erfuhr, dass die USA während des Vietnamkrieges über 2 Millionen Tonnen (!) Bomben abwarfen. Über 30% der 80 Millionen (!) Bomben sind dabei nicht explodiert und beeinflussen die Menschen in ihrem täglichen Leben nach wie vor. Unglaublich. Mich beschäftigte das neu Gelernte noch lange und doch war ich froh, dass ich darüber informiert worden war. Es ist mir wichtig, dass ich beim Reisen nicht nur die schönen Seiten eines Landes sehe, sondern dass ich auch etwas über die Schattenseiten und die Geschichte weiss. So ist es wie beim Menschen: man kriegt ein tieferes Verständnis für Eigenarten und Verhaltensweisen, wenn man weiss, was jemand erlebt hat, wie die Person aufgewachsen ist und man deren Geschichte kennenlernt. Nur so kriegt man meiner Meinung nach ein ganzheitliches und authentisches Bild einer Nation. Und das will ich ja auch: die Welt kennenlernen und selber erfahren, was im Geschichtsunterricht nicht hängengeblieben ist – oder schlicht nicht erwähnt wurde.

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Schulkinder in der Pause

Als der Regen nachliess und das Wetter wieder freundlich wurde, machten wir uns zu viert auf zu den Kuang Si-Wasserfällen. Diese erstrecken sich auf mehreren Levels und bieten dabei einladende türkisfarbene Pools, in die man trotz niedriger Wassertemperaturen einfach reinspringen muss. Da bin ich mit meiner Maggia-Erfahrung gesegnet – und als geborene Wasserratte hält mich sowieso nicht viel zurück. Es war wirklich eiskalt, aber angesichts der wunderschönen Umgebung herrlich und wahnsinnig erfrischend!

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Ein Teil der Kuang Si-Wasserfälle

Etwas erfrischendere Lufttemperaturen erwarteten Ines und mich in Nong Khiaw. Spontan hatte ich ihre Einladung angenommen und begleitete sie in den kleinen Ort im Norden von Laos, der inmitten von ehrfürchtigen Bergen (z.T. über 1’000 M.ü.M.) am Ufer des Flusses Nam Ou eingebettet liegt. Nach den vielen chinesischen und südkoreanischen Touristen, die sich in Luang Prabang tummelten, strahlte Nong Khiaw richtiggehend eine Ruhe und Gemütlichkeit aus. Wir sassen in Cafés und genossen den Blick auf die imposanten Berge, assen bei der herzlichen Mama Lao simpel aber köstlich zu Abend und beobachteten von der Brücke aus zusammen mit einigen anderen Reisenden den wunderschönen Sonnenuntergang. Obwohl ich ein Langschläfer bin, gefiel mir die Stimmung frühmorgens am besten: nebelverhangene Berge, die eine mystische Atmosphäre verbreiteten, Regen, der auf das Wellblechdach prasselte und eine Ruhe in der Luft, die einen selig werden liess.

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Herzlicher Empfang bei Mama Lao

Obwohl man dem Nichtstun in dem abgelegenen Ort noch lange hätte nachgehen können, waren wir auch aktiv. So fuhren wir mit dem Boot in ein abgelegenes Dorf wo uns einfache Menschen und Hütten erwarteten und machten von dort aus eine Wanderung zu einem Wasserfall, den wir ganz einfach hochkraxelten. Dabei verirrte sich ab und zu ein ekliger Blutegel an unseren Füssen, gewisse Schuhe fanden zu wenig Halt im Wasser und einige Popos landeten beim steilen Abstieg im Dreck. Es war ein toller Ausflug und ich war froh, dass mich der Aktivismus von Ines dazu gebracht hatte, die Tour zu machen. Mit klapprigen Eingangfahrrädern machten wir uns an einem anderen Tag auf zu den Höhlen, wo sich die Bevölkerung im Vietnamkrieg vor den US-Bombenangriffen versteckten. Die Höhlen selber waren weniger beeindruckend als die Tatsache, dass vor etwas mehr als 40 Jahren unschuldige Menschen vor etwas flüchten mussten, das noch heute Menschenleben kostet…

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Nebelverhangene Berge in Nong Khiaw

Nach ein paar Tagen war der Moment gekommen, an dem Ines in eine andere Richtung weiterreiste und sich unsere Wege trennten. Zusammen mit einer israelischen Familie mit drei Kindern, einem älteren Kanadier und ein paar Laoten fuhr ich nach Luang Namtha, das im Nordwesten des Landes liegt. Als mir die Familie, deren jüngste Tochter etwa 2,5 Jahre alt ist, erzählte, dass sie schon seit einem Jahr unterwegs sei, staunte ich nicht schlecht. Sicher ist es für die Kinder aufregend, durch solch fremde Welten zu tingeln, doch die fehlende Struktur und die ständigen Veränderungen sind sicher auch anstrengend. Und was die Eltern mit drei Kindern auf Reisen für einen Stress auf sich nehmen, kann ich mir nur vorstellen… Trotzdem fand ich ihr Unternehmen faszinierend und beeindruckend. Luang Namtha war dafür bekannt, Wanderungen zu abgelegenen Dörfern mit indigenen Völkern zu organisieren. Auch Kajak-oder Fahrradtouren wurden angeboten. Zu gerne hätte ich etwas davon unternommen, jedoch musste ich weiter westlich an die Grenze reisen, da mein 14-tägiges Visa ablief. So lieh ich mir einfach ein unbequemes Bike und kurvte durch die grüne Umgebung, vorbei an Hügeln, Reisfeldern und abgelegenen Dörfern. Es sollte ein kurzer, relativ unspektakulärer Aufenthalt werden.

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Reisfeld in Luang Namtha

Ich kam lieber etwas früher als später in Huai Xay an, das an der Grenze zu Thailand liegt. Dort wollte ich mein Visum verlängern, was jedoch nicht ging, da man dies nur nach einem 30-tägigen Aufenthalt machen kann, für den man bezahlt hat. Da ich nicht für einen ganzen Monat zahlen, sondern nur weitere 14 Tage kostenlos im Land bleiben wollte, musste ich eben das Land verlassen und wieder einreisen. So reiste ich kurz aus Laos aus, füllte auf der thailändischen Seite die benötigten Einreiseformulare aus, erhielt meinen Einreisestempel und kehrte gleich um, um den thailändischen Ausreise- und den laotischen Einreisestempel zu bekommen (natürlich erst, nachdem ich die laotischen Einreiseformalitäten erledigt hatte). Da kann man sich fragen, wieso einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Nachdem ich mich nach langem Hin und Her gegen eine Ziplinetour im Dschungel mit Übernachtung in einem Baumhaus entschieden hatte, betrat ich das Slowboat, das mich innert zwei Tagen auf dem Mekong nach Luang Prabang bringen sollte. Das Boot war wie alle Boote hier aus Holz gebaut und hatte Platz für etwa 100 Personen. Als Sitzgelegenheiten hatte man alte Autositze reingestellt, die recht angenehm waren. Weniger angenehm war meine Sitznachbarin, eine Laotin, die mir das Bein tätschelte. Zuerst dachte ich, dass sie Gefallen an meiner Hose gefundet hat (die wirklich schön ist), doch merkte ich bald, dass es nicht um meine Bekleidung ging. Sie zeigte lachend abwechselnd auf meinen breiten und ihren schmalen Oberschenkel und strich mir mehrmals über ebendiesen. Ich hatte gelesen, dass die Laoten Touristinnen gerne anstarren würden, da ihr Körperbau so anders sei. Dass sie aber gleich handgreiflich würden, hatte ich nicht erwartet. So versuchte ich der Dame klar zu machen, dass mir ihre Berührungen nicht angenehm sind, jedoch schien sie dies nicht zu verstehen. Erst als ich sie ignorierte und mich abdrehte, liess sie die Finger von mir. Doch sie schockierte mich zusätzlich noch mit einem anderen Verhalten, indem sie sich über mich beugte und ihren leeren Trinkbecher an mir vorbei hinaus in den Mekong warf. Ich war zu perplex, um reagieren zu können. In meiner Empörung über diese Tat wollte ich sie zuerst darauf hinweisen, dass man so etwas doch einfach nicht macht, verwarf diesen Einwand aber schnell wieder – so sehr es mich auch trifft, den ganzen Müll im Land (bzw. in ganz Südostasien) zu sehen, habe ich kein Recht dazu, die Einheimischen zu belehren. Wer bin ich denn, die in ein fremdes Land kommt und das Gefühl hat, den Leuten hier die Welt zu erklären? Ich denke, um die Einstellung und das Verhalten der Laoten (bzw. der Südostasiaten) zu ändern, muss von der Regierung her eine Initiative kommen, die die Kultur und Erziehung nachhaltig verändert, so dass ein Umweltbewusstsein entstehen kann. Hoffentlich tut sich da etwas in Zukunft!

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Menschen am Flussufer des Mekong

Nach etwa sechs Stunden Fahrt erreichten wir Pak Beng, wo wir übernachten sollten. Dort teilte ich mit Silja, die ich in Huay Xai kennengelernt hatte, ein Zimmer. Morgens beim Frühstück mit Blick auf den Mekong konnten wir sogar Elefanten beobachten, die am anderen Flussufer badeten. Leider bewegen sich diese in Pak Beng nicht in freier Natur, sondern gehören zu einem Camp, das Besucher mit Elefantenreiten, -füttern und -baden anlockt. Heute wartete ein anderes Boot auf uns, in das weniger Leute reinpassten. Die Laotin war zum Glück nicht dabei. Während etwa sieben Stunden schifften wir erneut gemütlich den braunen Mekong hinab, schliefen, lasen, unterhielten uns und waren sozusagen gezwungen zu slow down. Die Landschaft, die vorbeizog, lud einen dazu ein, Fotos zu schiessen und zu geniessen. Auch die Menschen, die man sah, boten schöne Fotosujets. Kinder, die im Mekong badeten, Frauen, die sich und Kleider wuschen, Männer, die fischten. Der Mekong hat für Jung und Alt etwas zu bieten und ist nicht nur für Laos, sondern auch für China, Kambodscha und Vietnam eine Lebensader. Es war ein gemütliches Erlebnis, auch wenn ich nach dem langen Sitzen einen gefühlt platten Hintern hatte.

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Kids on the rocks

Mit Silja ass ich in Luang Prabang auf dem Nachtmarkt und in der Zurich Bread Factory, wo wir uns eine unglaublich gute Lemon Tart auf der Zunge zergehen liessen. Als ich ins Guesthouse kam, wo ich ein Bett im Dorm reserviert hatte, führte mich der chinesische Inhaber in ein Doppelzimmer, wo auf einem der beiden Betten ein junger Mann sass. Ohne sich zu erklären verschwand der Inhaber und liess mich mit dem grinsenden Kanadier allein. Na das ist wohl der kleinste Dorm, den ich je gesehen hatte! Anscheinend hatte es im Dorm doch kein Bett mehr, weshalb ich kurzerhand in ein Doppelzimmer verfrachtet wurde. Nun, mir sollte es recht sein. Ich zahlte nicht zusätzlich, hatte ein eigenes Bad und, wie sich herausstellte, einen netten Zimmergenossen. Wir unterhielten uns angeregt über unsere Heimat, das Reisen und unsere Lebenspläne, als er mich fragte, wieso ich eigentlich unterwegs sei. Gute Frage… darüber hatte ich mich mit anderen Reisenden bisher noch nicht gross ausgetauscht. Alle, die sich aufmachen in die grosse weite Welt, haben einen Grund dazu, einen Antrieb. Was war meiner? Ich dachte daran, wie ich schon als kleines Mädchen immerzu Reissaus nahm, davonlief und wohl schon damals die Welt entdecken wollte. Das Globetrottersein liegt anscheinend in meiner Natur. Zudem ist der Zeitpunkt nach meiner endlich abgeschlossenen Ausbildung und dem Erreichen des 30. Lebensjahres für mich ein Moment des Innehaltens, des Zweifelns, des Fragens – und der Suche nach Antworten. So abgedroschen das auch klingt, am besten funktioniert das für mich weit weg vom Alltag, in fernen Welten, wo ich mit Abstand und sozusagen von aussen auf mein Leben blicken und darüber sinnieren kann, was ich eigentlich damit anstellen soll. Perspektivenwechsel heisst hier das Zauberwort. Dies wird einem durch den Austausch mit anderen Reisenden ermöglicht, durch das Eintauchen in andere Länder und Lebensweisen und durch den Eindruck, den das Ganze auf die eigene Person, Vorstellungen und Denkweisen hat. Irgendwie versuchte ich, Jake meine Gründe zu erklären, die er aus eigener Erfahrung sehr gut nachvollziehen konnte. Solche Momente liebe ich: wenn man eine fremde Person trifft, sich sogleich versteht und das Gefühl hat, mit all seinen verrückten Gedanken verstanden zu werden.

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So sieht ein laotischer Hundewelpe aus

Leider trennten sich aber unsere Wege am nächsten Morgen: Jake wollte sich auf nach Vietnam machen, während ich eine 10-stündige Busfahrt nach Vientiane (340km) vor mir hatte. Zum zweiten Mal in der Hauptstadt angekommen suchte ich mir eine Bleibe in der Nähe und versuchte, früh zu schlafen, da der Wecker um 6 Uhr klingeln sollte. Tat er aber nicht. Denn nachdem ich zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens mehrmals aufwachte und ein ungutes Gefühl hatte, wurde mir jäh klar, wieso ich keinen Schlaf fand: juckende Bisse. Zuerst glaubte ich dummerweise noch an Mücken, sprayte mich ein und kroch unter die Decke, worauf die Bisse jedoch nicht aufhörten… Nein, nicht schon wieder Bettwanzen! Natürlich war an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich schreckte aus dem Bett, packte alle Kleider in einen Beutel, den ich verschloss und schleppte mein Gepäck zur Reception, wo ein Mitarbeiter schlief. Ich bat ihn um eine Rückerstattung und lehnte trotz Erschöpfung das Angebot ab, in einem anderen Bett weiterzuschlafen. Ohne nachzusehen, ob er mir den korrekten Betrag zurückgab, schulterte ich mein Gepäck und streunte um knapp 4 Uhr morgens durch die leeren Strassen Vientianes. Nun wollte ich einfach möglichst schnell weg von hier. Nachdem einige Autos vorbeigefahren waren, sah ich tatsächlich ein Tuktuk, dessen Fahrer für die Fahrt zum Busbahnhof 100’000 Kip (knapp 12 Franken) verlangte. Ich wusste, dass das viel zu viel war und schaffte es, den Preis auf 50’000 Kip herunterzuhandeln. Am Busbahnhof war ich weit und breit die einzige Touristin. Zu meinem Glück sollte um 5 Uhr ein Bus in Richtung Kong Lo fahren, wo ich hinwollte. Nebst einigen anderen Passagieren führte der Bus v.a. grosses, schweres Material auf dem Dach mit sich. Damit dieses den Bus nicht aus der Bahn werfen würde, lagen im Bus selber zementschwere Säcke (wo vielleicht wirklich Zement drin war), die dem Ganzen etwas Stabilität geben sollten. Ich schlief, sobald der Bus fuhr, wie ein Stein, wenn auch nicht sehr bequem, dafür ohne Bettwanzen.

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Long Ko

Nach etwa sechs Stunden kamen wir an eine Kreuzung irgendwo im Nirgendo, wo ich abgeladen wurde. Mit ein paar anderen Nasen musste ich nochmals eine Stunde warten, ehe uns ein Pickup innert ca. 30 Minuten eine Strasse oder eher einen holprigen Weg entlang weiter Felder, einfacher Holzhütten und einer hohen Bergkette nach Kong Lo führte. In dem kleinen Ort wollte ich in die 7,5km lange Höhle Tham Kong Lo unter einem riesigen Kalksteinberg eintauchen. Auf dem Weg zum Höhleneingang, der in einem Nationalpark liegt, traf ich vier Deutsche, die dasselbe vorhatten. So verteilten wir uns auf zwei Longtailboote und liessen uns durch die Dunkelheit führen. Das einzige Licht kam von der Taschenlampe des Guide, ansonsten war es stockdunkel, was eine unheimliche Atmosphäre erzeugte. Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit, als wir im Keller unter der Treppe in der Dunkelheit spielten, dass wir in einer Höhle gefangen seien. Angst verspürte ich als Erwachsene in der “richtigen” Höhle keine, sondern ganz viel Aufregung und Adrenalin. Die Schatten unserer Köpfe, die über die Höhlenwände tanzten, konnte ich leider fotografisch nicht einfangen, dafür habe ich sie sicher in meiner Erinnerung festgehalten. Auf der anderen Seite der Höhle empfingen uns die saftiggrüne Natur, hohe Gipfel und -hier sichtbares- erstaunlich klares Flusswasser. Wir sogen all diese Eindrücke wie frische Luft in uns auf und schifften danach zurück durch die Dunkelheit nach Kong Lo. Ich genoss auf dem Weg ins Guesthouse die wunderschöne, nebelverhangene Landschaft und sank nach einer warmen Dusche und einem frühen Abendessen erschöpft ins Bett, das ich bei der Ankunft mit einem Anti-Bettwanzen-Mittel eingesprüht hatte…

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Auf dem Longtailboot

Am nächsten Morgen ging es früh weiter. Ich fuhr mit dem Pickup durch einen ungewohnt kühlen Morgen zurück an die Kreuzung, wo ich einen Bus ins knapp 150km entfernte Thakhek nehmen wollte. Als mich erneut ein Pickup auflud, dachte ich, dass mich der Fahrer zum Bus führen würde. Doch es stellte sich heraus, dass ich im eher ungemütlichen Pickup gleich nach Thakhek transportiert werden sollte… Nun, wenigstens kam ich so zu viel Fahrtwind – und einem weiteren authentischen laotischen Transporterlebnis. Nach etwa zwei bis drei Stunden erreichte ich Thakhek, wo mich die Hitze ganz schnell meiner mehrlagigen Kleiderschicht entledigen liess. Ich und mein Schnupfen waren froh, nach dem Regenwetter in Kong Lo wieder warmen Temperaturen ausgesetzt zu sein. Da die Stadt selber nicht viel zu bieten hat, mietete ich einen Scooter, um die Umgebung zu erkunden, wobei ich mich aber nicht an den grossen mehrtägigen Loop wagte, den viele Reisende unter die Räder nehmen. Dieser führt an vernebelten Reisfeldern, zerklüfteten Karstbergen und geschützten Wäldern vorbei und hätte mich schon auch gereizt. Jedoch wollte ich mich bei meiner spärlichen, wortwörtlichen Scooter-Erfahrung nicht so lange auf einen ebensolchen setzen, zudem noch alleine. Ich holperte also über staubige Buckelpisten, wobei ich mir teilweise wie eine Motocrossfahrerin vorkam, um zum Khoung Kong Leng-See zu kommen. Dieser entpuppte sich als wahre Schönheit und erwartete mich fast ohne Touristen. Ich konnte mich an dem dunkelblauen, klaren Wasser, den Bergen im Hinter- und den orangen Blumen im Vordergrund kaum sattsehen. Auch die Umgebung bzw. der Weg zum See gab herrliche Fotomotive her und liess mich immer wieder anhalten und die Kamera zücken. Mit dem Fahrtwind im Gesicht, der vorbeiziehenden Postkartenlandschaft und dem Tempo unter dem Hintern fühlte ich, wie sich die Freiheit wohl anfühlen muss: herrlich-wunderbar-grossartig!

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Khoung Kong Leng-See

Nach einer Nacht in Thakhek wollte ich weiter in den Süden fahren. Zwar wäre ich im nahe gelegenen Nationalpark gerne eine oder zwei Tage wandern gegangen, jedoch fühlte ich mich mit meiner Erkältung nicht hundertprozentig fit und alleine mit einem Guide wollte ich nicht losziehen. Andere Reisende lernte ich in der Stadt leider nicht kennen, da ich in einem etwas schickeren Hotel übernachtete. Dieses leistete ich mir, da laut Internetkommentaren die meisten Hostels in der Stadt Bettwanzen beherbergten. Bevor ich die Umgebung erkundete, hatte ich an der Reception nachgefragt, wann die Busse nach Savannakhet fahren. Die Dame zeigt mir einen Fahrplan, auf dem Busse bis Mitternacht angepriesen wurden. Ich wollte mich nicht auf eine Zeit festlegen und beschloss daher, nach meiner Erkundung der Gegend spontan einen Bus zu nehmen. Als ich schliesslich um 18 Uhr bereit war, zum Busbahnhof zu fahren, wurde mir gesagt, dass der letzte Bus um 16 Uhr gefahren sei. Der Fahrplan sei wohl nicht mehr aktuell. Aber ich solle sicherheitshalber auch noch am Busbahnhof nachfragen. Dort angekommen sah ich, dass auf der Tafel über dem Ticketschalter ebenfalls geschrieben war, dass der letzte Bus nach Savannakhet um Mitternacht fährt. Als ich mich bei der Dame am Schalter erkundigte, wiederholte sie, was mir schon im Hotel gesagt wurde: der letzte Bus sei abgefahren. Grossartig – ich hatte in Savannakhet schon ein Bett in einem Hostel gebucht… Ob ich je dort angekommen bin, wie unschön meine Ausreise aus Laos vonstatten ging und wie wunderbar meine Zeit in Kambodscha gestartet hat, lest ihr im nächsten Post.

People make the place

Nachdem ich mich von Kanchanaburi und meinem tollen ersten österreichischen Reisegspänli verabschiedet hatte, ging es ab in die Städte voller Tempel. Den ersten Stopp legte ich in Ayutthaya ein, wo ich nach ein paar Stunden Busfahrt ankam. Die Universitätsstadt liegt etwa anderthalb Stunden nördlich von Bangkok und hat eine Menge Relikte aus der Vergangenheit zu bieten. Mit dem Fahrrad fuhr ich zu den verschiedenen Tempeln, wo mich Chedis, Stupas, Buddhas – und Horden von Chinesen erwarteten. Während die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte, begutachtete ich die z.T. sehr gut erhaltenen Temepl, wobei mir leider oft die Information bzw. die Geschichte dahinter fehlte, als dass ich richtig lange gefesselt blieb. Eine erfrischende Abwechslung bot die Bootstour, die uns zu verschiedenen Tempeln führte, wobei derjenige, den wir zum Sonnenuntergang erreichten, einen unvergesslichen Anblick bot. Nachdem es sich ausgetempelt hatte, ging ich mit zweien von der Bootstour auf dem Nachtmarkt essen. Während uns in Kanchaburi die Frau aus dem Hostel auf dem dortigen Nachtmarkt herumführte, uns Gerichte und Lebensmittel zeigte, erklärte und probieren liess, waren wir in Ayutthaya auf uns selber gestellt und bestellten, was uns visuell ansprach. So gab es für mich unter anderem teigige Kokosnussbällchen gefüllt mit Mais, Zwiebeln und einem mir unbekannten Gemüse. Während wir so herumschlenderten, traute ich meinen Augen kaum, als ich auf ein bekanntes Gesicht traf: Da stand doch tatsächlich eine Schweizerin, mit der ich als kleines Mädchen Skifahren war und als junge Erwachsene im selben Club Volleyball spielte! Was für ein Zufall!

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Sonnenuntergang beim Wat Chai Wattanaram

Nachdem ich genug Tempel gesehen hatte, ging es in die nächste Tempelstätte, nach Lopburi. Am Bahnhof hatte ich die Möglichkeit, für umgerechnet ca. 10 Franken ein 1.Klass-Ticket für den Schnellzug zu kaufen (eine Stunde) – oder aber ein Billett für etwa 40 Rappen für den 3. Klass-Wagen (ca. anderthalb Stunden). Natürlich sass ich dann etwas mehr als eine Stunde bei offenem Fenster auf einem harten Sitz und erinnerte mich an die früheren Zeiten der SBB. Genau sowas gehört für mich eben auch zum Reisen – die simplen, unkomplizierten Wege zu gehen, anstatt Luxus und den gewohnten Standard zu erwarten. Denn so erfährt man (wortwörtlich) auf authentische Art die Lebensweise anderer Länder. In Lopburi checkte ich in ein Hostel ein, in dem sich durch das angehängte Restaurant zwar viele andere Reisende tummelten, das Zusammenfinden jedoch aufgrund einer fehlenden Common Area erschwert war. So erkundete ich die paar Tempel und das Museum der Stadt auf eigene Faust. Das spezielle an Lopburi sind die Bewohner – nicht die menschlichen, sondern die tierischen. So tummeln sich in den Strassen, auf den Dächern und rund um die Tempel unzählige Affen. Man muss dabei gut auf seine Sachen aufpassen, da die frechen Tiere gerne stehlen: Sonnenbrillen, Kameras und am liebsten natürlich Essen. Wenn man sein Hab und Gut nicht freiwillig hergibt, wird auch mal zugebissen, was dann im Gang zum Arzt endet, da Tollwutgefahr besteht. Mit etwas Abstand war es denn auch sehr unterhaltsam, zu sehen, wie die Affen auf den Buddhastatuen in den Tempeln herumturnten, den Touristen hinterherjagten und diese genauso beobachteten, wie sie selber begutachtet wurden. Beim Frühstück machte ich dann auch noch menschliche Bekanntschaften, als mich ein netter Franzose fragte, ob ich zu ihm und seinen Freunden sitzen möchte. Er erklärte mir auf Deutsch (er arbeitet in der Schweiz), dass sie zum Klettern in Thailand unterwegs seien, was angesichts der vielen Kalksteingebirge im Land sehr schön sein muss. Auf eine konstante Reisebegleitung wie diese bin ich manchmal schon auch neidisch, doch ich weiss mittlerweile, dass ich gut alleine zurechtkomme und Mitreisende finde, wenn mir danach ist. Auf jeden Fall meistens…

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Affentempel (Wat San Phra-Kan)

Als ich genug von Lopburi gesehen hatte, ging es weiter nordwärts. Der Zug um 10:30 Uhr, den ich nehmen wollte, war schon voll – dafür war der 9:45 Uhr Zug verspätet unterwegs, weshalb ich dafür ein Ticket kaufte. Um ca. 12:15 Uhr kam er dann und brachte mich innert etwa 4 Stunden nach Philantsouk, von wo aus ich den Bus bestieg, um nach Sukhothai zu gelangen. Dort kam ich abends verschwitzt und erschöpft an. Selbst Sitzen und Warten kann bei diesen Temperaturen (ca. 35 Grad) anstrengend sein… Im Hostel unterhielt ich mich mit einem netten Mitarbeiter, dessen Mutter aus Thailand kommt, der Vater aus Frankreich und der in Holland aufgewachsen ist. Zurück in die Heimat seiner Mutter hat ihn u.a. die Natur gezogen, da es ihm in Holland zu flach war. Zudem langweilte er sich dort und schien nun in Thailand ein aufregenderes Leben gefunden zu haben. Die anderen Reisenden schienen sich in ihren Grüppchen wohl zu fühlen und suchten kaum Kontakt. Natürlich könnte man auch mehr auf die Leute zugehen, was ich anscheinend zu wenig mache. Es liegt also nicht (immer) nur an den anderen, das sehe ich ein. Die Erkenntnis, dass ich doch nicht (immer) so offen bin, wie ich stets gedacht hatte, fordert mich nun heraus, mehr aus mir rauszukommen, meine anfängliche Schüchternheit schneller abzulegen und die Leute anzusprechen. So prallen beim Reisen Selbst- und Fremdbild oft aufeinander und man ist immer wieder gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, wer man ist, wer man vorgibt zu sein, wie man wahrgenommen werden möchte etc. Das führt dann immer wieder zu Adaptionen und Weiterentwicklungen des Selbst. Das Reisen ist somit immer auch eine Selbsterfahrung: Man erfährt nicht nur die Welt, andere Länder, Kulturen und Menschen, sondern auch sich selber. (Amen, die Psychologin hat fertig geschwafelt. Weiter geht die Geschichte).

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Der Kluge reist im Zuge

In Sukothai besuchte ich alleine einige der vielen gut erhaltenen Tempel, die zu einem grossen Teil in einem riesigen, schönen Park zu finden sind. Vor Ort leiht man sich am besten ein Fahrrad aus und besucht die einzelnen Ruinen. Wie schon in den vorherigen Tempelorten gefielen mir die wirklich eindrücklichen Sehenswürdigkeiten in Sukhothai, jedoch hatte ich sie nach einer Weile dann auch gesehen und hatte Lust auf etwas Neues. In der Stadt selber hat es sonst ausser einigen Märkten nicht viel zu sehen, weshalb ich einen Bus ganz in den Norden buchte: Chiang Mai hiess der nächste Halt. Nach etwa 6 Stunden erreichten wir den Busbahnhof, der wie so oft etwas ausserhalb des Zentrums lag. Statt ein relativ gesehen teures Tuktuk zu nehmen bestieg ich den lokalen Bus und bat den Fahrer, mich möglichst nahe meines Hostels rauszulassen. Zu Fuss waren es dann noch etwa 10-15 Minuten, wobei ich mich mittlerweile schon an meinen zu schweren Rucksack gewöhnt habe und mir ein kurzer Fussmarsch nichts mehr ausmacht, wenn es nicht über 30 Grad ist. Als ich an einem vegetarischen Restaurant vorbei ging, das mich ansprach, war klar, wo ich mein Abendessen einnehmen wollte. Das ist der Vorteil, wenn man den lokalen Bus nimmt und ein paar Schritte durch die Stadt macht – man sieht mehr, als wenn man direkt mit dem Tuktuk ins Hostel brausen würde. Apropos brausen: der Verkehr in Chiang Mai war katastrophal! Regeln scheinen dafür da zu sein, nicht eingehalten zu werden und für Fussgänger wird schlichtweg nicht angehalten. Da helfen auch die spärlich eingesetzten Ampeln teilweise wenig: auch wenn man grünes Licht bekommt, brausen nicht wenige Auto- und Rollerfahrer einfach vorbei. Für mich war das definitiv kein Ort, erneut einen Roller zu besteigen!

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Chiang Mai ist auf jeden Fall fotogen

Dafür hatte ich ganz andere Pläne, denn Chiang Mai ist eine Hochburg für Aktivitäten jeglicher Art. Ich wollte ein Elefantencamp besuchen, einen Kochkurs machen, mich mit Mönchen unterhalten, mit dem Mountainbike den Berg herunterfahren, einen Meditationskurs ausprobieren und mich massieren lassen. Doch aus irgendeinem Grund fehlte mir für das Meiste davon die Energie. Ich war antriebslos und mochte nicht viel machen. Da sich in meinem Hostel v.a. blutjunge, trinkfreudige Reisende aufzuhalten schienen, suchte ich mir, wie man das eben heutzutage macht, über das Internet Gesellschaft. So kann man per Couchsurfing-App, wo man normalerweise eine Couch zum nächtigen sucht, gleichgesinnte Menschen suchen, die sich in der gleichen Stadt aufhalten. So traf ich Bianca aus den USA, die zur Zeit in Südkorea arbeitet und Marta aus Spanien. Wir trafen uns zum Essen und verstanden uns so gut, dass wir uns am nächsten Abend wieder zum Abendessen verabredeten. Dazu stiess dann noch Izzy aus England, welche ebenfalls in Südkorea weilt, jedoch zum Studieren. Zusammen unternahmen wir auch einen Ausflug zum Grand Canyon – einem unabsichtlich von Menschenhand gefertigen Steinbruch mit einem einladendem, natürlichen Pool. Bei der Hitze, die sich in Chiang Mai jeden Tag bot, war eine Abkühlung sehr willkommen. Nach dem Sprung aus etwa 6-7 Metern schmerzte mein rechtes Ohr ein paar Tage lang, wobei die Unannehmlichkeit zum Glück von allein wieder weg ging.

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Fruchtshake gefällig?

Anstatt die rund 200 Tempel in der von antiken Stadtmauern umgebenen Altstadt zu besuchen, entschied ich mich, wieder von der Energie gepackt, eine Mountainbike-Tour zu machen, um die Natur rund um Chiang Mai besser zu erfahren. Im Pickup ging es den 1700 M.ü.M. gelegenen Berg Doi Suthep hoch (ich wählte wegen fehlender Fitness die einfachere Route) und in verschiedenen Gruppen auf dem Bike runter. In meiner Gruppe waren nebst mir und dem Guide ein englisches Paar, das es wie ich auch eher gemütlich nahm. Es machte aber auch Spass, die Wege herunterzuflitzen. Die Tatsache, dass wir nebst dem Helm Ellbogen und Schienbein/Knieschoner trugen, erhöhten die Geschwindigkeit wohl eher, als dass sie sie drosselten… Es hat auf jeden Fall unfallfrei Spass gemacht, war aber auch anstrengend. Vor allem die Downhillstrecken, die wir z.T. ausprobierten – ohne Hinterradfederung wurde man hart durchgeschüttelt! Die Aussicht und die Natur waren fantastisch und wer weiss, vielleicht werde ich in der Schweiz zusammen mit meinen Biker-Mitbewohnern über die Berge radeln, nachdem ich hier doch ziemlich Blut geleckt habe… Nach einer solch körperlichen Anstrengung gab es eine besonders passende Entspannungsmethode: eine richtige Thaimassage. Dieses Mal liess ich mich von einer ehemaligen Gefängnissinsassin kneten. Es gibt nämlich in Chiang Mai eine Institution, die sich darum kümmert, dass Frauen, die im Gefängnis waren und rauskommen, eine Beschäftigung finden. So kommen die Frauen in den Genuss einer Massage-Ausbildung und einer Perspektive nach der Entlassung – und die Touristen kommen in den Genuss professioneller Massagen. Es war erneut teilweise schmerzhaft, aber wie auch beim ersten Mal wahnsinnig entspannend und schlussendlich angenehm. Man könnte sich glatt an eine regelmässige Massage zwischendrin gewöhnen!

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Das nächste Mal mit Hinterradfederung!

Ans Essen in Thailand habe ich mich auf jeden Fall gewöhnt und verspürte so das Interesse, typische Gerichte auch in der Schweiz nachzukochen – weshalb ich zusammen mit Bianca einen Kochkurs belegte. Zuerst wurden uns verschiedene Kräuter aus der Thai-Küche im hauseigenen Garten vorgestellt. Auch weitere Lebensmittel, die man in Thailand oft zum Kochen verwendet, wurden auf dem Markt gezeigt. Dann ging es daran, sich für gewisse Gerichte zu entscheiden. Ich wählte das Pad Thai, den Papaya-Salat und das Penang-Curry aus. Frühlingsrollen sollten alle herstellen. Etwa zu zwölft schnitten, hackten und schälten wir laut den Anweisungen des witzigen Küchenchefs unsere Zutaten zurecht. Ich fühlte mich wieder wie vor über 15 Jahren in der Kochschule, jedoch erfahrener und besser unterhalten. In einem riesigen Wok dämpften, brieten und kochten wir unsere Gerichte und zauberten alle etwas wirklich gut Essbares auf unsere Teller. Ich wusste gar nicht, dass ich beim Kochen so schnell lerne! Es hat grossen Spass gemacht und wirklich ausgezeichnet geschmeckt (ich will mich ja nicht selbst rühmen, aber…doch, da muss ich mir wirklich selber auf die Kochschulter klopfen 🙂 Wer meine Künste mal testen will, darf sich gerne selber einladen, wenn ich zurück bin.

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Mein erstes Penang-Curry

Als ich ein Elefantencamp besuchen wollte, informierte ich mich im Internet zuerst darüber. Einige Camps, die mein Reiseführer vorschlug, wurden dafür gelobt, kein Elefantenreiten anzubieten. Das Interesse der Tierschützer und vieler Touristen liegt nämlich darin, die Tiere zu schützen, nachdem sie aus katastrophalen Verhältnissen gerettet wurden und sie besser zu behandeln. In den meisten Camps kann man mit den Dickhäutern baden gehen, sie füttern und Fotos mit ihnen machen. An und für sich klingt das ja schön und gut und es hätte mich auch fast überzeugt. Jedoch habe ich nebst den vielen positiven Reviews im Internet eben auch einige negative gelesen. Die Tiere werden anscheinend doch nicht immer so gut behandelt, so zum Beispiel wenn die Betreuer das Gefühl haben, dass keine Touristen zuschauen… Zudem habe ich mich gefragt, wie natürlich es ist, Elefanten zu füttern und sie zu waschen. Ich meine, das können sie ja auch selber machen und brauchen nicht jeden Tag zig neue Touristen, die Selfies machen und sie betatschen. Es muss jede/r selber wissen, ob er/sie den Besuch eines solchen Camps mit sich vereinbaren kann. Mich hat es nach der Recherche und intensiver Beschäftigung mit dem Thema auf jeden Fall nicht mehr gereizt. Lieber sehe ich wieder einmal Elefanten in der Wildnis, zum Beispiel auf einer Safari. Dort können sie sich fortbewegen, wie sie wollen und auch abrauschen, wenn ihnen die Beobachtung durch die Menschen nicht passt.

Nachdem meine Reisebuddies alle ausgeflogen waren, suchte ich mir neue Leute, um den Abend gemeinsam zu verbringen. Ich stiess – wieder über die App – auf eine Gruppe, die sich zum Abendessen traf. Wie es der Zufall wollte, handelte es sich nebst einem Engländer und einem Polen ausschliesslich um US-Amerikaner. Dabei merkte ich, dass ich gewisse Vorurteile gegenüber den Amis hege: Oftmals (nicht immer!) sind sie mir zu oberflächlich und pathetisch. Auch an dem Abend fühlte ich mich nicht ganz wohl in der Runde. Es wurden Sprüche rausgelassen, wie man sie aus typischen Hollywood-Filmen kennt und ihr Interesse schien mir nicht ehrlich. Es war für mich eher ein Abend als Beobachterin, denn spannend ist so ein Zusammenkommen von Fremden auf jeden Fall. Irgendwann entschied sich die Gruppe, an eine Ladyboy-Show zu gehen. In Thailand gibt es ja sehr viele Transgender-Männer, die sich weiblich kleiden, benehmen und oft auch als Frauen wahrgenommen werden, wären da nicht die verräterischen Zeichen wie ein Adamsapfel, breite Schultern, männliche Gesichtszüge o.ä. (wenn sie sich denn nicht operieren liessen). Selber musste ich aber auch schon mehrmals hingucken, um zu realisieren, dass das nicht eine sehr stark geschminkte und aufgetakelte Frau ist, sondern ein geborener Mann. Ich hatte keine Ahnung, was mich an solch einer Show (oder auch Cabaret) erwarten würde und war deshalb ausserordentlich gespannt. Die Location war gut gefüllt (hauptsächlich mit weiblichen Touristen) und die Spannung lag greifbar in der Luft. Als der Vorhang dann endlich fiel, begann die angenehme und nicht etwa niveaulose Show. Die Darstellerinnen waren sehr hübsch und kokett gekleidet, stark geschminkt und tanzten sicher in waghalsig hohen Pumps auf der Bühne herum, während sie zu bekannten Hits, die ohrenbetäubend laut aus den Boxen dröhnten, die Lippen bewegten. Ich war fasziniert: nicht nur sangen die Tänzerinnen wahnsinnig gut Playback, auch ihre Choreografien und halsbrecherischen Bewegungen waren perfekt einstudiert. Ich hätte schon Probleme, so sicher in solch hohen Schuhen zu gehen – damit zu tanzen würde bei mir wohl in einer Lachnummer mit Knöchelbruch enden… Ich hatte etwas ganz Neues gesehen und denke, dass mir diese Ladyboys noch lange in Erinnerung bleiben werden.

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Spaziergang durch die Palmenplantage

Obwohl ich mich gerne noch mit Mönchen unterhalten (sie praktizieren dadurch ihr Englisch) und einen Meditationskurs ausprobiert hätte, rief die nächste Destination. Zudem fühlte ich mich zu hibbelig, um zu meditieren. So sass ich dann im Minivan nach Pai, einem kleinen Ort im Nordwesten Thailands. Die Fahrt dorthin ist berühmt-berüchtigt für ihre vielen Kurven (762 sollen es sein), die anscheinend viele Reisende erbrechen lässt. Für die Reise gab es in meinem Hostel gratis Tabletten, die ich sicherheitshalber einnahm, obwohl ich mir kurvige Bergstrassen von der Schweiz ja eigentlich gewöhnt bin. Nun, ich schlief die rund 4 Stunden Fahrt fast ausschliesslich und hatte keine Probleme mit den Kurven oder der Fahrweise (die Fahrer sind für ihren ruppigen Fahrstil bekannt). Als wir auf dem Weg jedoch einen anderen Minivan sahen, der frontal mit einem anderen Auto zusammengestossen zu sein schien und dabei wohl einen Totalschaden erlitt, wurde mir dann doch etwas mulmig zumute. In Pai angekommen entspannte ich mich dann schnell durch die angenehme Atmosphäre, die selbst die unzähligen Alkohol- und Drogenkonsumierenden Touristen nicht stören konnten. (Ich bin dem Alkohol ja überhaupt nicht abgeneigt und wer Drogen nehmen will, soll das von mir aus tun – aber in Thailand? Seriously?). Abends wurde es ungewohnt kühl, doch tagsüber brannte die Sonne wie immer erbarmungslos vom Himmel. Um die wunderschöne Umgebung zu erkunden, mietete ich zum ersten Mal alleine einen Roller und fand schnell Gefallen daran, durch die Gegend zu kurven. Während ich in Südthailand mit Mirjam im Schlepptau noch etwas unsicher über die Strassen tuckerte, fuhr ich in den hiesigen Gefilden schon fast wie ein Profi durch die Gegend. Alleine ist es halt schon einfacher und man trägt nur für sich selber Verantwortung. Dennoch bin ich immer vorsichtig gefahren, mit dem Wissen, dass sich viele Touristen bei Rollerunfällen verletzen und ein sogenanntes Thailand-Tattoo als Erinnerung mitnehmen. Ich fuhr zu Wasserfällen mit wenig Wasser (Trockenzeit), Aussichtspunkten mit atemberaubendem Panorama, Brücken aus Zeiten des zweiten Weltkrieges und solchen aus Bambus, die über Reisfelder führten sowie einem weiteren Canyon, der zum Sonnenuntergang eine spektakuläre Atmosphäre bot.

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Sonnenuntergangsstimmung im Pai Canyon

Durch mein soziales Hostel und durch meine inzwischen liebgewonnene App habe ich einige nette Leute aus Deutschland, der Schweiz, Mexiko, Kanada, Kolumbien u.a. kennengelernt. Auf einer Tour, die ich zusammen mit Marta (aus Chiang Mai) buchte, sass ich im Pickup mit 5 jungen Argentiniern, die mein Spanisch lobten und selber viel zu erzählen wussten. Ich liebe es, mehrere Sprachen zu beherrschen (natürlich nicht perfekt) und mich dadurch mit so vielen Leuten unterhalten zu können. Natürlich kann man mit den meisten Reisenden auch Englisch reden, was für mich aber einfach nicht das Gleiche ist. Diesbezüglich passt die Aussage eines bekannten Südafrikaners, der nebst Englisch und Afrikaans mehrere Stammessprachen beherrscht (er selber wuchs als Mischling während der Apartheid auf): es ist nicht die Hautfarbe, die Menschen verbindet; sondern die Sprache, die sie sprechen. Auf der Tour wurde nicht nur viel geplaudert, wir besuchten u.a. auch eine Höhle, durch die ein kleiner Fluss führte, wo wir auf kleinen Holzbooten durchgeführt wurden. Aufgeregt wie ich war (oder einfach schusselig) fiel mir der Deckel meines Kameraobjektivs ins Wasser. Bravo. Nun, ich genoss die Stalagmiten, Stalaktiten und kuriosen Gesteinsformationen, die uns von den Guides mit Licht gezeigt wurden, trotzdem. Weniger spektakulär war die heisse Quelle, die auch auf dem Programm stand. Anstatt eine natürliche Quelle zu besuchen, fuhren wir zu einem Hotelkomplex, wo das Wasser der in der Nähe entspringenden heissen Quelle in einen Pool geleitet wird. Das Wasser war zwar schön heiss (ist selbst bei hohen Temperaturen angenehm) und stank natürlicherweise nach faulen Eiern, jedoch war die konstruierte Umgebung einfach nicht das, was man sich unter einer hot spring vorstellt. Da war der Pool mit kaltem Wasser fast noch das grössere Highlight… Nichtsdestotrotz hat es mir in Pai sehr gefallen.

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Die Pai Memorial Bridge (aus dem 2. Weltkrieg)

Um noch mehr in die Abgeschiedenheit zu gelangen und mehr von dieser wunderschönen Natur zu erkunden, entschied ich mich für einen Besuch des ganz nordwestlich gelegenen Ortes Mae Hong Son nahe der Grenze Myanmars. Dieser lag etwa 3-4 Stunden entfernt, ebenfalls über eine kurvenreiche Strasse zu erreichen. Ich fuhr abends mit dem Minivan hin und schnappte mir zwecks Bequemlichkeit den Beifahrersitz. Wir schlängelten uns durch wunderschöne Landschaften mit Blick auf Hügel, die untergehende Sonne und ganz viel Wald. Ich fahre sowieso liebend gerne nachts Auto; mit Musik im Ohr, dem Blick auf die langsam eindunkelnde, vorbeirauschende Natur und den Gedanken in fast vergessenen Momenten der Vergangenheit, lässt es sich noch entspannender in die völlig offene Zukunft kurven. Deswegen reise ich immer sehr gerne in der beruhigenden Dämmerung/Dunkelheit, schwelge dank meiner ausgeprägten Nostalgie in Erinnerungen, spinne Ideen zur ungewissen nahen und fernen Zukunft und fühle eine ungewohnte Ruhe in mir. Eine andere Art der Meditation 🙂
In Mae Hong Son angekommen liess ich bei meinem Guesthouse einmal das Telefon klingeln – so hatten wir ausgemacht, dass sie mich am Busbahnhof abholen kommen. Mit meinem Gepäck setzte ich mich auf den Scooter meiner Gastgeberin und hoffte, dass der Weg nicht allzu weit/holprig sein würde. In Thailand fährt alles Scooter, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Natürlich fährt kaum jemand mit Helm, dafür mit der halben Familie im Schlepptau. So bietet ein normaler Scooter auch mal Platz für vier Leute. Ich war froh, dass wir den kurzen Weg unbeschadet überstanden und wurde zu meinem Bett im Dorm geführt. Es würden diese Nacht nur Männer im Viererdorm schlafen, ich könne aber wechseln, wenn ich wolle. Als ich abwinkte, machte sich die nette junge Frau auf zur Bar, wo ich “meine Freunde” kennenlernen könne. Nach kurzer Einrichtung gesellte ich mich dann zu dem Männertisch. Zwei Typen zwischen 45 und 55 stellten sich als Waliser heraus und waren mir dankbar, als ich fragte, ob sie Briten (und nicht etwa Engländer) seien. Der dritte im Bunde war ein junger Franzose, der die beiden vor Ort kennengelernt hatte. Sie alle waren mit dem Motorrad unterwegs – in der Gegend gibt es nämlich einen bei Reisenden beliebten Loop, der über die Berge und durch die herrliche Landschaft führt. Ich trank ein Bier mit den dreien, ass etwas und lauschte ihren von Flüchen durchzogenen Reisegeschichten (bloody brits). Im Bett war ich dann froh, dass uns Wände voneinander trennten und ich Ohrstöpsel dabei hatte (auch wenn sich die beiden älteren Männer das Schnarchen der letzten Nacht gegenseitig in die Schuhe schieben wollten). Am nächsten Morgen machten sich die beiden Briten wieder auf den Weg und ich unterhielt mich noch ein bisschen mit Jonathan aus Frankreich. Da wir uns gut verstanden und er auf seiner Route auch das Golden Triangle auf dem Schirm hatte, machten wir aus, uns in Chiang Rai, dem Ausgangspunkt für den Besuch des Nordosten Thailands, wieder zu treffen.

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Spielende Kinder in Mae Hong Son

Nachdem auch er sich auf den Weg gemacht hatte, lieh ich mir erneut einen Scooter, da man damit am einfachsten und günstigsten herumkommt. Ich düste zuerst ein paar Kilometer auf der unspektakulären Schnellstrasse dahin, ehe ich die kurvigen und steilen Hügel unter die Räder nahm. Mein Ziel war ein Wasserfall, welcher erfreulicherweise auch Wasser vorzuweisen hatte. Nachdem ich der Seite entlang hochgelaufen war, hatte ich oben, bevor das Wasser in die Tiefe stürzte, einen Platz für mich alleine, wo ich im nassen Kühl badete. Ans andere Ufer war ich gekommen, nachdem ich über ein paar Steine geklettert war. Zurück wollte ich durchs seichte Wasser waten, wobei ich ausrutschte und rücklings ins Nass fiel. Da ich einen Beutel am Rücken trug, war die Landung weich (und der Beutel durchnässt), jedoch machte ich mir mehr Sorgen um meine Kamera… doch zum Glück liess die Kameratasche kaum Wasser durch und auch die Kamera selber schien den Sturz unbeschadet überstanden zu haben. Ich legte meine Kleider und Banknoten zum Trocknen in die Sonne, was jedoch kaum etwas brachte, da sich diese schon hinter den Hügeln niedergelassen hatte. So fuhr ich mit nassen Kleidern im Schatten den Berg hoch und runter – nicht, ohne mir vorher noch beim Schliessen des widerspenstigen Rollersitzes den Daumen zu verstauchen. Es schien wahrlich mein Glückstag zu sein! Nach einem kurzen Abstecher in einem nichtssagenden Ort am Ende der Welt fuhr ich schliesslich grösstenteils zitternd (nasse Kleider machen sich im Fahrtwind und im Schatten nicht so gut), aber unfallfrei zurück ins Guesthouse. Nach einer wärmenden Dusche machte ich mich mit trockenen Kleidern auf zum Abendessen. Ich genoss in einem gemütlichen Restaurant am See einen herrlichen green tea salad und spazierte dann noch auf dem kleinen Nachtmarkt umher, wo es zu unverschämt günstigen Preisen Leckereien zu kaufen gab, was ich mir natürlich nicht entgehen liess. Am nächsten Tag besuchte ich noch den Tempel auf einem Hügel, den ich mit meiner Maschine im Nu erklommen hatte. Die Aussicht auf die Bergkette und die grünen Wälder war wunderschön und der Tempel liess sich auch sehen. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich ein Tempel nicht mehr so schnell aus den Socken haut, da ich schon so viele gesehen habe. Danach gab es ein leckeres veganenes Mittagessen (hier im Norden Thailands findet man nicht nur ganz einfach vegetarische Speisen, auch veganes Essen ist ziemlich verbreitet) – und die Rückfahrt nach Chiang Mai.

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Blick vom Doi Kong Mu Hügel in Mae Hong Son

Nach etwa 4-5 Stunden kam ich dort an und genehmigte mir eine nicht mal so schlechte Pizza (übrigens nicht meine erste hier) und schlief dann in einem Hostel mit äusserst freundlicher Inhaberin. Nachdem ich mir einen neuen Deckel für meine Kamera gekauft hatte, ging die Reise weiter nach Thaton – wieder mit dem Bus. Ich fand mich als einzige Touristin wieder und war nach etwa vier Stunden die Letzte, die ausstieg. Thaton ist nicht gerade eine Touristenhochburg. Dafür kommen die Reisenden hierhin, um mit dem Boot auf dem Mae Nam Kok Fluss nach Chiang Rai zu schippern. Dies ist schöner, angenehmer und auch mal was anderes nach all den Busfahrten. Ich schlief in einem Bungalow und fragte am nächsten Morgen beim Bootssteg nach, ob das Boot denn auch fährt. Der Mann am Schalter meinte, es brauche mindestens vier Personen, bis das Boot fahre, mit mir seien es bis jetzt drei. Ich solle kurz vor der Abfahrtszeit wieder kommen, dann werde man sehen, wie der Stand der Dinge ist. Zum Glück gesellte sich noch ein zweites Paar zum anderen mitreisenden Paar und mir. Schliesslich waren wir mit dem Bootsführer zu siebt und schifften langsam Richtung Westen. Als wir einmal eine Pinkelpause einlegten, kamen wir auf dem Land an einem Elefantencamp vorbei. Der Anblick der Elefanten, die auf dem Hof angekettet waren, brach mir fast das Herz. Sie winkten mit dem Rüssel als würden sie um Hilfe bitten und schauten mich traurig an. Ich wurde wütend und hoffte insgeheim, dass in einem Paralleluniversum die verantwortlichen Menschen von Elefanten in Ketten gehalten und Touristen-Elefanten vorgeführt werden! Im Ernst, Ungerechtigkeit hat mich schon immer wütend und traurig gemacht, wenn man dann aber noch direkt vor so einem Drecksladen steht, kochen die Emotionen einfach über. Ich bin nicht als grosse Tierschützerin bekannt, setze mich weder bei WWF für Tiere ein, noch bin ich Vegetarierin (esse aber nicht viel Fleisch). Aber so ein Anblick berührt wohl jede/n. Die restliche Fahrt über war ich dann etwas nachdenklich und fühlte mich in meiner Entscheidung, kein Elefantencamp besucht zu haben, bestätigt.

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Ein badender Junge im Mae Nam Kok Fluss

Nach drei Stunden kamen wir in Chiang Rai an, wo Jonathan uns schon ein Hostelzimmer gebucht hatte. Dort wartete ich auf ihn und verbrachte zusammen mit ihm und einem anderen Franzosen, den er irgendwo kennengelernt hatte, zwei Tage in Chiang Rai. Die beiden sprachen natürlich Französisch miteinander und ich versuchte, mich an den Gesprächen zu beteiligen – ebenfalls auf français. Dabei ärgerte ich mich, dass ich die Sprache, die ich in der Schule am längsten gelernt hatte, nicht besser beherrschte. Jonathan und Pierre-Alexandre meinten zwar, ich würde gut sprechen und könne mich ja mit ihnen unterhalten, mir war es jedoch nicht gut genug. Zuweilen wechselten wir dann auch auf Englisch, damit ich wirklich alles verstand und mich problemlos mitteilen konnte. Nebst dem Besuch von Restaurants und Essensmärkten schauten wir uns auch den weissen, buddhistischen Tempel Wat Rong Khun und, im Prinzip das Gegenstück davon, das schwarze Baan Dam Museum an. Dies ist eine Sammlung von imposant gestalteten Holzhäusern, eigenartiger Kunst und Tierkadavern (z.B. Krokodilhaut), was mir nicht zugesagt hat. Auf jeden Fall waren wir drei eine gute Truppe und so war es denn auch schade, als uns Pierre-Alexandre verliess. Er vermisse seine Freundin und werde deshalb nach Frankreich zurückkehren. So waren Jonathan und ich auf uns gestellt. Unser gemeinsames Motorrad-Abenteuer, mein Abschied von Thailand und der Neustart in Laos werden im kommenden Blogeintrag (der hoffentlich schneller kommt als dieser hier…) Thema sein. Eins vorweg: es war toll, wieder einmal eine Zeit lang mit einem Reisebuddy unterwegs zu sein, doch war ich auch froh, als wir (friedlich!) getrennte Wege gingen, so dass ich wieder meinem eigenen Rhythmus folgen konnte. Begegnungen mit Menschen machen das Reisen auf jeden Fall zu einem grossen Teil aus, aber man darf dabei sich selber und den eigenen Weg nicht aus den Augen verlieren!

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Ein Teil des Wat Kong Rhun (in dem die Toiletten zu finden waren)